Die original rheinische Alpenküche

 

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Konrad und Anne Beikircher: Die original rheinische Alpenküche – Rezepte und Anekdoten aus meinen beiden Heimaten

Becker Joest Volk Verlag

Preis: 19,95 €

 Was bitte ist denn die rheinische Alpenküche?

Konrad Beikircher, Kabarettist aus dem Rheinland, gilt als ebenso scharfsinniger wie humorvoller Beobachter der rheinischen Seele und wird dafür von Millionen – überwiegend natürlich Rheinländern geschätzt und geliebt. Nun hat er zusammen mit seiner Frau ein weiteres Kochbuch veröffentlicht, dass zeigt, es liegen mental und kulinarisch gar nicht so viele Kilometer zwischen dem Rheinland und seiner Heimat Südtirol.

Er hat seinen Beobachtungsradius sozusagen ein wenig ausgedehnt, denn Hr. Beikircher fand schon immer, das Kölner und Südtiroler doch so einiges gemeinsam haben und das scheint nicht nur der gemeinsame Glaube zu sein, sondern auch die Sehnsucht nach Genuss. Für ihn ist das ganz einfach, der Mensch nimmt sich halt immer mit allem mit, bei Konrad Beikircher sind das nicht nur Erinnerungen an eine karge Kindheit, eine herrlich kochende Großmutter und Mutter, sondern auch die „Graupensuppe“ oder die „Tirteln“.

Unterstützt von seiner Frau Anne, die ein ausgesprochenes Händchen dafür hat, Konrads kulinarische Beobachtungen und Erinnerungen vortrefflich und harmonisch in geling sichere Rezepte zu transferieren, ist dabei ein schönes Kochbuch herausgekommen, dass deutlich werden lässt Genuss passt immer zusammen, ergänzt sich gut und schmeckt auch noch richtig lecker! Das dabei auch mal der ein oder andere Ausflug in andere Gefilde gemacht wird wie bei der Ääzezupp „Mme Cocosching“, versteht sich von selbst, denn auch jenseits der Alpen gibt es schmackhaftes zu entdecken, Hauptsache ist, es schmeckt!

Wie geht es los?  Die Aufmachung des Buches ist bei Ausstattung und Layout wertig und rustikal, jedes Rezept wird mit Foto präsentiert, das die Speise in den Vordergrund stellt, ohne zu viel Chi-Chi, immer stilsicher und perfekt inszeniert, das gefällt mir. Auch der Autor erscheint prominent auf dem Titel und hier wird auch direkt der Hinweis gegeben, dass es sich um ein Buch mit Anekdoten und Rezepten handelt.

Was ist drin?  Leider gibt es kein Inhaltsverzeichnis, was mich anfänglich ein wenig irritiert hat.

Das schöne Buch startet mit schönen deftigen Suppenrezepten, die traditionell anmuten, aber hier und da spektakulär aufgemotzt wurden, so bekommt die Graupensuppe mit Südtiroler Wurzeln ein bisschen Pepp mit altem Balsamico und fürs rheinländische Feeling eine Einlage aus Flusskrebsen. Sehr wohlschmeckend und echt mal eine Abwechslung, die Spaß macht.

Die rheinische „Ääzezupp“ (hinter der sich eine Erbsensuppe verbirgt) wird einmal mit Minze und Südtiroler Speck Einlage verfeinert (sehr verlockend!) und als „Ääzesupp „Mme Cocosching“ kann sie ihre asiatische Verwandtschaft zu Kokosmilch, Koriander, Limette und Garnelen geschmacklich nicht verleugnen, hat uns aber sehr begeistert!

Weiter geht es mit Vorspeisen, Salaten und anderen herzhaften Kleinigkeiten von Südtirol nach Köln und auch woanders hin.

Sehr delikat fand ich den Feldsalat mit Kartoffeldressing (Südtirol) und die „Mojo Verde“ und „Mojo rosso“, wenn auch sicherlich weder in Köln noch in Südtirol beheimatet, sondern Beleg für einen kulinarischen Ausflug auf die Kanaren. Der Selleriesalat mit Macadamia-Nüssen und Granatapfelkernen war eine schöne Überraschung, weil er ohne die im Rheinland so beliebte Mayonnaise auskommt, für mich eine schöne moderne Interpretation eines regionalen Klassikers.

Und selbstverständlich darf hier eine modernisierte Variante des Heringssalat nicht fehlen, nach einer langen Karnevalsnacht, ein toller Muntermacher, der reizvoll modernisiert wurde und statt der unsäglichen Mayonnaise mit Joghurt und saurer Sahne zu überzeugen weiß.

Direkt verliebt habe ich mich aber in die Rezepte für die „Tirteln“ (auch liebevoll Tirteltäubchen genannt) und die „Schlutzkrapfen“. Auch das Rezept für das sehr schmackhafte „Katharinnenbrot“ ist eine schöne Möglichkeit sich ein wenig „Alpenfeeling“ an den heimischen Frühstückstisch zu holen, vor allem wegen der verwendeten Gewürzmischung und der benutzerfreundlichen Beigabe von Trockenhefe und Fertigsauerteig, das wird es jetzt öfter bei uns geben.

Bei den Rezepten für Fisch und Fleisch geht es mit sehr harmonischen und gleichzeitig wenig aufwendigen Kreationen weiter natürlich dürfen dabei der rheinländische „Tatar“ und die „Flönz“ (Blutwurst) nicht fehlen und wunderbar auch die „gefüllte Gans bei Niedrigtemperatur“ gebraten. Ein Ausflug ins Mediterrane mit dem Miesmuschel-Rezept hat ebenfalls überzeugt.

Zum Finale geht es um die Süßen Dinge wie den herrlichen Südtirol-Import in Form von „Marillenknödeln“ und ein Käsekuchen-Rezept von Anne-Beikircher, der wunderbar cremig auf der Zunge zergeht, weil die 10 Eier im Teig ihr Bestes geben. Egal Genuss geht vor und wenn es so köstlich schmeckt!

 Wer sind die Autoren?  Klaus Arras (Fotos) lebt und arbeitet als freier Fotograf in Köln. Seit vielen Jahren nimmt er einen festen Platz in der Riege der besten Foodfotografen im deutschsprachigen Raum ein. Seine Kochbuchprojekte erringen immer wieder nationale und internationale Auszeichnungen. Die Fotografien von Klaus Arras überzeugen dabei durch besondere Stilsicherheit und Perfektion bis ins kleinste Detail.

Konrad Beikircher, Jahrgang 1945, stammt aus Bruneck in Südtirol/Italien, ging 1964 zum Studium der Musikwissenschaften und Psychologie nach Wien, wechselte bald nach Bonn und war ab 1971 als Psychologe im Justizvollzugsdienst tätig. Seit 1986 arbeitet er u. a. als Kabarettist, Komponist, Musiker, Moderator und Buchautor und ist bundesweit auf den Kleinkunstbühnen der Republik unterwegs. Zahlreiche CD- und Buchveröffentlichungen, darunter 5 Kochbücher mit seiner Frau Anne Beikircher.

Anne Beikircher, geboren in Bonn, machte 1977-1980 eine Ausbildung als Glas- und Porzellanmalerin und ging 1980 mit einem Stipendium nach Paris, wo sie bis 1982 an der Ecole des Beaux Arts bei Cesar studierte. 1986 machte sie ihren Fachhochschulabschluss in freier Kunst in Köln, u. a. unter Professor Daniel Spoerri.

Was ist besonders?  Das schöne Buch amüsiert mit den zahlreichen bissigen und sehr komischen Anekdoten und Anmerkungen des Autors. Ich habe mich köstlich unterhalten, besonders bei der Geschichte über den Stromausfall beim Zahnarzt, einfach herrlich!

Wer aber jetzt denkt, dass die Rezepte dem nachstehen, irrt gewaltig, die Auswahl ist sehr stimmig und alle mit einem Händchen für unaufwendige Zubereitung, aber trotzdem mit Wow-Potential und ohne den Einsatz von fragwürdigen Convenience-Produkten. Alle präsentierten Rezepte haben mich handwerklich absolut überzeugt und ich habe mich auch über die kleinen Überraschungen wie die Flusskrebse in der Graupensuppe gefreut.

 Fazit: Ein sehr schönes Kochbuch mit hohem Unterhaltungswert dank der köstlich bissigen Anekdoten und Kommentare des Autors, dass nicht nur bei Rheinländern und Südtirolern im Bücherschrank stehen sollte. Als echte Frankfurterin, bin ich sehr begeistert von diesem Ausflug in andere Gefilde und empfehle Ihnen diese kabarettistische, kulinarische Reiseleitung unbedingt weiter, denn Lachen hat beim Essen noch nie geschadet!

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