Wir haben einfach gekocht!

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Reuter/Rehn/Brandes/Hoene: Wir haben einfach gekocht!

100 Erinnerungen an Lieblingsrezepte

Neuer Umschau Buchverlag

Preis: 29,95 €

„Kochen gehört zum Alltag!“

 Worum geht’s?  Leider nein, möchte man sagen, denn unsere Gesellschaft, spaltet sich in 3 Gruppen:                                                

Erstens die begeisterten Foodies, für die es gar nicht kompliziert genug sein kann, keine Mühe wird gescheut und auch schon mal die ganze Stadt durchquert, wenn es um die Besorgung von speziellen Zutaten geht oder irgendwo etwas besonders gutes zu bekommen ist.

Zweitens die Leute, die zwar die besten Vorsätze haben, gutes Essen als etwas wichtiges ansehen, aber täglich daran scheitern und dann doch nur vor einer Koch-Show hängen bleiben, oder ihre Zeit bei Facebook oder sonst wo vertrödeln. Am Ende landen sie dann doch beim Take-Away, trotz der besten Vorsätze.

Drittens die Leute, für die Kochen einfach total überflüssig ist, es gibt schließlich in Deutschland ein unbegrenztes Angebot an sehr preiswerten Snacks und Convenience-Produkten, was rund um die Uhr verfügbar ist.

Was dabei auf der Strecke bleibt, sind nicht nur der Respekt vor dem eigenen Körper und unserer Umwelt, sondern auch die soziale Komponente, die Leute, essen allein vor dem Fernseher oder dem Rechner, Familien kommen nicht mehr zu einem gemeinsamen Abendessen oder sonntäglichem Mittagessen zusammen, sondern leben nebeneinander her, die Menschen werden übergewichtig, krank und schwerfällig, weil keiner mehr registriert, was er sich so nebenbei hineinstopft.

In meiner Kindheit und Jugend auf dem Land in den 70igern in Norddeutschland war das anders, Mama und Oma haben täglich für die Familie gekocht und vieles was auf dem Tisch landete wurde sogar zuvor im eigenen Garten angebaut.

Genau um diese Generation von Frauen, die heute in ihren 70igern ist und deren Verhältnis zum Kochen geht es in dem schönen Buch „Wir haben einfach nur gekocht!“

Was ist drin?  Im ambitionierten Titel haben die Autoren 12 Altersheime besucht und mit den alten Leutchen kulinarische Erinnerungen wieder aufleben lassen.

Zum Teil wurde auch zusammen gekocht, da wo es möglich war, denn in vielen Einrichtungen ist die Verpflegung auf Effizienz und Kostenfaktor gedrillt und es geht nicht darum, die Leute an einem gemeinsamen Miteinander zu beteiligen. Traurig möchte man sagen, aber leider Realität vieler Ortens.

Bei der Recherche zum Buch haben die Autoren gemerkt, wie die alten Leutchen wieder aufgeblüht sind und das die besten kulinarischen Ratgeber, die Leute sind, die ein Leben lang täglich gekocht haben. Und zwar einfach im Sinne einer unkomplizierten weitgehend schnörkelfreien Küche, die sich aus dem bediente was saisonal und regional verfügbar war.

Es beginnt eine Reise durch Altersheime quer durch die Republik von Barrien im Landkreis Diepholz in Niedersachsen bis nach Bad Aibling im Landkreis Rosenheim in Bayern.

Jedes der zwölf Kapitel beginnt mit einer Foto-Collage der Protagonisten, auf der gleichzeitig das präsentierte Menü vorgestellt wird. Sehr geschmackvoll gemacht, weil die Portraits der Damen schwarzweiß gehalten sind und eingefügte Zubereitungsfotos als Farbfotos daher kommen. Diese Seiten verfehlen ihre Wirkung bei mir nicht, es rührt mich, ich denke an meine Kindheit und daran wie lecker meine Oma und meine Mutter gekocht haben. Das Buch berührt, ist aber nirgendwo vordergründig kitschig und man spürt, schon bei den Fotos, den Damen und Herren muss das alles ungeheuer Spaß gemacht haben! Das ist mir ungeheuer wichtig und wie es aussieht scheint es den Autoren wunderbar gelungen zu sein!

Weiter geht es mit einer einleitenden Story zum Erlebten und dem was uns kulinarisch erwartet, immer persönlich und herrlich authentisch.

Jetzt folgen die Rezepte für das vorgestellte Menü, sehr schöne Fotos im Shabby-Chic-Stil, die die Speise in den Vordergrund stellen und einem genialen Layout zum Thema, denn die Rezepte werden in Schreibmaschinenschrift präsentiert.

Bei den Rezepten sind alle saisonalen Klassiker vertreten: Maultaschen, Zwiebelkuchen, Kartoffelsalat, Grünkohl, Buletten mit Kartoffelbrei und …

Da wo es schwieriger wird, hilft neben der Erfahrung der Damen eine gut gemachte Step-by-Step-Anleitung.

Alle Anleitungen sind solide strukturiert und werden häufig mit den besonderen Geling-Tipps von Menschen präsentiert, die diese Gerichte tagein und tagaus gekocht haben. Mir gefällt das super!

Lieblingsrezepte:

Buletten mit Lauchgemüse und Kartoffelbrei (Traumhaft, ich hätte mich reinlegen können, da kann mir aber jede Pasta gestohlen bleiben und schön, die Kinder lieben es auch!)

Klekselkuchen (Endlich klappt es auch mit dem Hefeteig!)

Rouladen mit Hackfleischfüllung (Hm, das war so lecker!)

Die Entscheidung ist mir schwer gefallen und es steht noch so viel auf meiner Liste, damit hat sich das schöne Buch einen Platz in meiner Küche erkämpft.)

Wer soll angesprochen werden?  Menschen die einfach wieder kochen wollen und Spaß an regionaler saisonaler Küche haben und die mehr Wert auf unbekannte aber sehr erfahrene Könner als Akteure legen, als auf die abgehobene Variante eines Sternekochs.

 Was ist besonders?  Das Buch ist ein wirklicher Schatz mit vielen alltagstauglichen Rezepten, die wirklich jeden Tag auf den Tisch kommen können und eine tolle Möglichkeit für alle anderen, einen schönen Ausflug in die eigene Kindheit zu unternehmen.

Optisch und konzeptionell überzeugt es mich auch weil die Autoren ein feines Händchen dafür haben, persönliche Nähe zu erzeugen und auf vordergründigen Kitsch verzichten.

Schön, dass das Projekt jeweils mit mehrtätigen Workshops in den jeweiligen Altersheimen verbunden war, dass hat auch den „Omas und Opas“ sicherlich viel Spaß gemacht!

Fazit: Mich hat das Buch ungeheuer begeistert und ich empfehle es deshalb gerne weiter!

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