Zuhause bei Audrey

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Luca Dotti: Zuhause bei Audrey

DuMont Buchverlag

Preis: 34,99 €

 „Audrey Hepburn in der Küche ohne große Sonnenbrille und das legendäre kleine Schwarze?“

 Wenn ich an Audrey Hepburn denke, ist damit unweigerlich eine zierliche, sehr schlanke Frau verbunden, ungeheuer stilsicher im kleinen Schwarzen und mit Zigarettenspitze.

Schwer vorstellbar, dass diese Person auch eine ganz normale Ehefrau, Mutter und Schwiegertochter war, die sich auch mal einen zweiten Teller Spaghetti gönnte und sich tatsächlich an den Herd stellte, um Familie und Freunde mit einer leckeren Mahlzeit zu beglücken?

Wie sieht es aus – oder hätte Audrey ihre Freude daran?

 Ja und noch mal ja, das Buch ist ebenso stilsicher konzipiert wie wertig gemacht,  genauso wie sich die Protagonistin stets selbst präsentiert hat:

Heller Einband mit geschmackvoller Binde in Petrol und mit Fotos aus dem Familienalbum lädt zum Schmökern ein, schönes und sehr geschmackvolles Layout mit dem feinen Gefühl für Klasse, niemals überladen und auch ein klein bisschen Retro, denn die Tipps werden als Ausschnitt aus einer Rezeptsammlung in Schreibmaschinenschrift präsentiert.

Hochwertiges raues Papier, Fadenheftung und zwei schöne kontrastierende Lesebändchen in Gelb und Petrol, die mit Binde und Schriftfarben harmonieren.

Ein Blick in das Familienalbum

Foto © Jasmine Bertusi
Foto © Jasmine Bertusi

 Luca Dotti, Audrey Hepburns Sohn, öffnet für uns das Familienalbum und mit vielen bisher unbekannten Fotos, Anekdoten und Notizen, wird ein sehr persönlicher Blick auf die Frau hinter der Hollywood-Ikone möglich, die doch tatsächlich trotz Köchin gelegentlich am Herd stand. Wir kommen Audrey Hepburn sehr nah, sehen ganz private Fotos von ihr als Baby, ambitionierter Ballettschülerin, verliebten Ehefrau und stolzen Mutter und begleiten ihn auf eine Reise zu den verschiedenen Lebensstationen seiner Mutter:

Eine entbehrungsreiche Kindheit in Holland, Krieg und der Verlust des zu Hauses, haben ihre Jugend geprägt. Komisch, ich wusste gar nicht, dass Audrey Hepburn europäische Wurzeln hatte.

Ballerina wollte sie werden, leider konnte sie aber den Trainingsrückstand durch die Kriegsjahre nicht aufholen, aber mit derselben Disziplin verfolgte sie anschließend ihre aufkeimende Schauspielkarriere.

© Audrey Hepburn Estate Collection
© Audrey Hepburn Estate Collection

Ich lerne, dass Lucas Großmutter, die sogenannte Nonna Té Curry (immerhin eine Baronin von Heemstra, wenn auch nach dem Krieg total verarmt), die eine Schwäche für Currys hatte, ihre Tochter auch noch als Hollywood-Größe  mit unnachsichtiger Kritik zu Höchstleistungen anspornte. „Nonna Tès Curry“ war eine feste Konstante im Speiseplan, denn die Familie von Heemstra hatte ihr Vermögen im Handel mit den niederländischen Kolonien gemacht, der Urgroßvater von Audrey Hepburn war einst sogar Gouverneur von Surinam. Curry gehörte wie Tee zum Alltag!

Man spürt und sieht, die ungeheure Freiheit, die die junge Frau genießt in ihrer ersten eigenen Wohnung am Wilshire Boulevard in Los Angeles. Im Haus ihrer besten Freundin, Conny Wald, die mit dem Produzenten Jerry Wald verheiratet war, gab es oft „Penne alla Vodka“, die stets mit einem Gefühl von zu Hause verbunden waren, denn beide Frauen verband eine innige Freundschaft und sie verbrachten Stunden in der Küche beim gemeinsamen Smalltalk.

Wir sehen eine verliebte Ehefrau und überglückliche Mutter zusammen mit ihrem zweiten Mann, dem römischen Psychiater Andrea Dotti, der der Vater von Luca ist. Audrey scheint das erste Mal in ihrem Leben angekommen zu sein, als sie mit Anfang vierzig Hollywood den Rücken kehrte und als römische Ehefrau und Mutter endlich einen Platz gefunden hatte, der ihr Zuhause wurde. Ein schmackhaftes „Vitello Tonnato“ vermag stets die Wogen, beim Sonntäglichen Mittagessen mit der Schwiegermutter zu glätten, auch wenn dieses weder von ihr noch von der Schwiegermutter selbst gekocht wurde.

Foto Henry Clark © Condé Nast Archive/Corbis
Foto Henry Clark © Condé Nast Archive/Corbis

Als 1980 die Ehe mit Andrea Dotti zerbricht, wird ihr Haus in der Schweiz in der Nähe von Lausanne ein noch wichtigerer Rückzugsort, obwohl sie vorerst weiter in Rom lebt: Wir begegnen einer glücklichen Frau beim Blumen pflücken in einem traumhaften Sommergarten, von dem sie ihr Leben lang geträumt hat, denn Tiere und ein großer Blumen- und Gemüsegarten bedeuten ihr viel und sind für sie der einzige Grund zum Geld verdienen. Audrey Hepburn liebte ihren Garten über alles, was dort wuchs wurde irgendwie weiterverarbeitet. Äpfel gab es immer mehr als genug, Rochita, die Köchin, verarbeitete diese entweder zu ihrem legendären Apfelkompott, das sie stets nach Bedarf variierte oder backte einen leckeren Apple-Crumble nach einem Rezept von Conny Wald.

Connies Rezept für Apple Crumble © Audrey Hepburn Estate Collection
Connies Rezept für Apple Crumble © Audrey Hepburn Estate Collection

1988 beginnt mit Audrey Hepburns Ernennung zur UNICEF-Sonderbotschafterin die für sie wichtigste Zeit ihres Lebens. Sie hat nie die UNRA-Laster (Vorgänger-Organisation der UNICEF) der niederländischen Befreier 1945 vergessen, die mit Mehl, Butter und anderen Dingen beladen waren und die sie und andere so lange entbehrt hatten.

Für diese Zeit stehen Rezepte wie eine „Mousse au chocolat“ bei der sich die bekennende schokosüchtige und der damaligen US-Präsident, Ronald Reagan, bei einem gemeinsamen Dinner einig waren. Ob dies auch bei dem für Audrey Hepburn wichtigsten Rezept der Welt einer „oralen Rehydrations-Therapie“ auch gilt bleibt offen.

Und sonst?

Eine umfassende Biographie hat mir geholfen, beim Schmökern die jeweiligen Ereignisse auch zeitlich korrekt einzuordnen, das hat mir sehr gut gefallen.

Klatsch und Tratsch – nein, danke – oder eine Perspektive mit Licht und Schatten!

 Keine einfache Aufgabe, eine Biographie über Audrey Hepburn, immerhin hat sie selbst der Versuchung widerstanden, das zu tun.

Was mir sehr gut gefällt ist, dass der Autor auf Klatsch und Tratsch aus der Welt der Schönen und Reichen verzichtet und immer die Perspektive des liebenden Sohnes einnimmt.

Das Buch zeigt viele Facetten und porträtiert witzig und humorvoll Wegbegleiter wie z. B. Audreys sardische Beschützerin und Köchin „Giovanna“, die Andrea Dotti (Audrey Hepburns zweitem Ehemann) zwar herzlich zugetan war, aber die genauso streng schmollen konnte, wenn sie das Gefühl hatte, er könnte ihre Audrey betrogen haben.

Von diesen Geschichten gibt es viele, genauso werden Mutter und Vater nicht nur als Helden gehuldigt, jede Geschichte oder Anekdote, eröffnet wieder eine neue Perspektive und ich spüre dieser Sohn hat seine Mutter herzlich lieb gehabt, auch wenn er ihre Laster und Schwächen nur zu gut kennt.

Ein Buch für die Küche – oder doch lieber Lektüre für den Nachtisch?

 Für mich sowohl als auch! Mir hat es großen Spaß gemacht, dem Idol meiner Jugend mit einem schönen und vor allem sehr einfühlsamen Buch näher zu kommen.

In die Küche darf es mich auch begleiten, das „Ossobuco mit Ave Maria allo Zafferano“ klingt traumhaft und wird hoffentlich demnächst für einen kulinarischen Höhepunkt am Wochenende sorgen.

Und was ist mit den Rezepten?

Audrey Hepburn hat in der zweiten Phase ihres Lebens erkannt, dass die kleinen Dinge uns glücklicher machen, als Geld und Ruhm. Von da an hat sie versucht, sich auf das wesentliche zu Beschränkungen. Das gilt auch für die 50 präsentierten Lieblings-Rezepte, die wohltuend normal sind. Manchmal können gut gemachte „Spaghetti al pommodoro“ uns genau das geben, was wir wollen und brauchen!

© Audrey Hepburn Estate Collection
© Audrey Hepburn Estate Collection

 Fazit: Sehr schönes Buch für Fans und auch für Liebhaber besonderer Kochbücher. Ich habe mit Vergnügen geschmökert nicht nur im Bett, sondern auch in meiner Küche und Gottseidank sind die Rezepte auch was für jeden Tag!

Vielen Dank für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

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