Balagan

Balagan-Molcho_Cover_3-7 NEU.inddHaya Molcho: Balagan!

Fotos: Peter Mayr

Südwest Verlag

Preis: 29,99 €

„Jedem Chaos wohnt ein Zauber inne oder kulinarisches Durcheinander, ich liebe das!“

 Balagan ist ein polnischer Begriff, der eigentlich aus dem russischen entlehnt wurde und umgangssprachlich als etwas wie Unordnung, Durcheinander, Wirrwarr, Chaos verstanden werden kann. Aber Moment, das ist vielleicht eine sehr reduzierte Form der Betrachtung, denn beim Kochen und Essen verhält es sich gerade anders, das Nebeneinander von unterschiedlichsten Zutaten und Gewürzen kann das größte Glück sein. Denkt nur an  orientalische Mezze, da ist Vielfalt Programm und befruchtet sich aufs Köstlichste gegenseitig. Vorausgesetzt, der oder in diesem Fall die Komponistin versteht es, dieses Nebeneinander auf einer Tafel zu inszenieren.

Haya Molcho aus Wien wurde dieses Talent, geradezu in die Wiege gelegt, geboren in Tel-Aviv und während ihrer ersten Lebensjahre mit den Eltern überall und nirgends zu Hause. Mit neun Jahren kommt sie nach Bremen und verlässt diese Stadt erst wieder, als sie sich nach Abschluss ihres Studium mit ihrem Mann, dem Pantomimen Samy Molcho, in Wien niederlässt und mit ihm vier Söhne aufzieht.

Haya ist ein echtes Familientier und vor allem eine begnadete Köchin und Gastgeberin, die in ihrem Leben viel gereist ist, viele beeindruckende Plätze und Orte gesehen hat und dabei immer für sich und die Familie köstlich gekocht hat. An besondere Orte kehrt sie aber gerne zurück und deshalb ist sie zum Foto-Shooting für ihr Buch „Balagan“ mit Familie und Freunden nach Akrich, einem Dorf 20 Minuten von Marrakesch entfernt und in den Ausläufern des Atlas-Gebirges gelegen, gereist.

Wie sieht es aus?

 Das großformatige Buch ist ein optischer Genuss und sehr schön anzuschauen: jedem Kapitel sind zunächst Fotoserien der Speisen vorangestellt. Die Fotos sind sehr geschmackvoll und die Autorin selbst versprüht pure Energie und Lebensfreude, der ich mich nicht entziehen kann und ist stets in Wort und Bild sehr präsent im Buch. Die Frau ist mir sehr sympathisch und das Buch ist eine herzliche und sehr offene Einladung in Hayas Welt und ich fühle mich sehr willkommen geheißen!

Anschließend folgt der Rezeptteil und schließlich gibt es auch noch eine Seite mit Platz für persönliche Notizen. Zu jedem Gericht gibt es außerdem einen QR-Code, um die Zutatenliste direkt aufs Smartphone zu laden, praktisch das gefällt mir.

 Was ist drin?

 Gelebter Balagan alla Molcho das geht so, 7 Tage haben verschiedene Generationen miteinander gelacht und das Leben gefeiert. Familie, Freunde, Alt und Jung treffen sich immer wieder an Hayas reich gedecktem Tisch, genießen köstliche Snacks oder größere Gerichte, süße oder salzige Speisen, fröhlich dirigiert von einer der kreativsten Balaganistinnen, die man sich vorstellen kann.

Hayas ist Haya – oder warum nicht mal was anders machen?

Die Rezepte werden nach Mottos und Tagen präsentiert und können durch zwei zusätzliche Übersichtsseiten, die dem Inhalt vorangestellt sind noch mal nach Rezeptkategorien wie z. B. Dips, Saucen & Co., Snacks & Fingerfood, Salate und Suppen, Fleisch & Fisch oder Desserts & Drinks erschlossen werden. Am ersten Tag gibt es Frühstück mit der Familie. Haya serviert, Leckereien wie Shakshuka, Gemüsefritatta mit Schafskäse, Spinat-Muffins mit Frühlingszwiebeln oder Orangen-Mandel-Kuchen. Der zweite Tag steht unter dem Motto „Salzig“. Wie wär‘s mit gefüllten Auberginen nach türkischer Art oder einem schmackhaften Auberginen Paprika-Dip. Am dritten Tag  tischt die Autorin Mezze und Süßes auf, es gibt Hummus mit Koriander, Auberginenkonfitüre, Filoteigzigarren mit Spinat und Käse, eine halbgefrorene Schokoladentorte und so einiges mehr. Der vierte Tag ist ganz dem Salat aus dem Orient gewidmet und Haya serviert z. B. orientalischen Kartoffelsalat mit eingelegter Zitrone, einen marokkanischen Karottensalat, ein Taboulé mit Avocado. Am fünften Tag fachen die Molchos ein Feuer an und bereiten Tajines oder Gegrilltes zu: serviert werden gefüllte Zwiebeln, Gemüse-Tajine, überbackene Lamm-Kebabs in Zitrus-Tahina-Sauce, Blumenkohl mit Olivenöl im Ganzen serviert, israelische Hühnersuppe und weitere nette orientalische Rezept-Ideen. Am sechsten Tag kocht Haya Molcho mit ihren Söhnen Nuriel und Nadi, z. B. Backkartoffeln mit Raucharoma, eine rote Linsensuppe mit Mangold und so manches mehr. Am siebten und letzten Tag sind die Snacks dran – verschiedenen Sorten von Falafel, geröstete Nüsse oder z. B. auch Kartoffelwürfel mit Massala.

Eine leidenschaftliche Köchin und Mutter, die weiß was sie will!

 „Balagan“ ist nicht nur ein orientalisches Kochbuch, es ist vor allem ein sehr persönliches Kochbuch. Die Autorin lädt uns auf dem Cover schon symbolisch ein, an ihrem Tisch Platz zu nehmen, in dem Sie einladend nach oben schaut. Auf dem Buchdeckel sehen wir dann das Ehepaar Molcho in inniger Umarmung auf einer Bank sitzen, wie sie auf einen Olivenhain hinunter ins nahe Atlasgebirge schauen. Da kann man schon neidisch werden. Eine Frau die alles hat, einen netten und liebevollen Mann, der ihr herzlich zugetan scheint und die Arbeit seiner Frau nach Kräften unterstützt. Vier wohlgeratene Söhne, die es sich nicht nehmen lassen, dass wenn die Mutter ruft, ihr sogar nach Marokko zu folgen, um an einem Foto-Shooting für ihr neues Buch teilzunehmen. Manche Mütter  sind da schon froh, wenn sie es schaffen, den Nachwuchs mal von der Couch hoch zu bekommen, um einen Kasten Wasser in den Keller zu schaffen und die Ehemänner es doch gelegentlich fertig bringen, den Hochzeitstag nicht zu vergessen. Wie macht man das, frage ich mich, ganz einfach: Haya Molcho ist Lebensfreude, Energie und Leidenschaft pur, sie ist das Zentrum ihrer Familie und weiß was sie will. Dieses Kochbuch wäre ohne die Präsenz der Autorin, höchstens lauwarmer Kaffee, Sie lädt uns ein zu sich, vertraut sich uns wie einer guten Freundin an. Wir erfahren von ihr sehr viel persönliches immer mal wieder eingestreut in einzelne Sequenzen und sie umsorgt und bekocht uns. Wir können uns quasi nicht an ihr vorbei stehlen und heimlich ein paar ihrer Rezepte ausprobieren und dann einfach wieder unerkannt verschwinden…..

Praxischeck – Leidenschaft oder Akribie – was ist Euch wichtiger?

 Ich liebe orientalische Küche und bin mindestens einmal in der Woche im marokkanischen Lebensmittel-Laden einkaufen, Kräuter, Couscous, Bulgur, aber auch sehr gerne Fleisch und Fisch, denn da sind die wirklich ambitioniert und bieten eine gute Qualität. An Rezepte habe ich mich früher immer sklavisch gehalten, seit einigen Jahren, allerdings nicht mehr, irgendwie verlasse ich mich da inzwischen gerne auf mein Baugefühl. Am Wochenende sind wir immer auf dem Land mit nahezu keinen Möglichkeiten, schnell mal was zu besorgen, das Dorf hat nicht mal mehr einen Tante-Emma-Laden – das hat auch bei mir was verändert in meinem Kochverhalten.

Versteht mich nicht falsch, dies ist jetzt wirklich kein Plädoyer nicht nach Rezepten zu kochen, denn ich sammele seit 30 Jahren Kochbücher und könnte die beanspruchten Regalmeter vor meinem Mann gar nicht rechtfertigen, wenn mir Rezepte nicht wichtig wären.

Hayas ist eine arabisch geprägte Köchin, da sind große Portionen einfach normal, ihr Kochstil ist allerdings nicht nur Orient, sondern auch Okzident, sie mischt da gerne munter und fröhlich drauf los. Auch wenn der Orient mehr Platz im Buch bekommt, gibt es ein friedliches Miteinander von Pana cotta mit Dattelsirup und Eggs Benedict mit Polenta, das mir gefällt. Wir haben die Filoteigzigarren mit Spinat und Käse, die überbackenen Lamm-Kebabs in Zitrus-Tahina-Sauce und den orientalischen Kartoffelsalat probiert. Die ersten Speisen, wunderbar, es hat toll geschmeckt und bei der Zubereitung gab es keine Probleme. Beim Lesen des Rezeptes für den Salat, habe ich aber gestreikt, auf 1 kg. Kartoffeln wird eine Salz-Zitrone verwendet, jedenfalls lt. Rezept. Ich habe mir hier erlaubt, die Menge deutlich zu reduzieren und auch die Kartoffeln habe ich ungeschält gekocht und dann erst gepellt und gewürfelt. Beim verwendeten Öl bin ich dem Rat von Haya gefolgt und habe statt Sonnenblumenöl Arganöl verwendet, obwohl das nur optional angegeben war. Sonnenblumenöl allein ist einfach geschmacklich langweilig und das Rezept auch sonst eher schlicht, so passte das für uns wunderbar.

Arabische Köchinnen sind großzügig und kochen mehr intuitiv, als nach Rezept!

Balagan ist bereits in der zweiten Auflage erschienen, die erste hatte leider Schwächen, zumindest spiegeln das einige sehr seriöse und glaubwürdige Rezensionen wieder, eine Schwachstelle u. a. die verwendete Menge an Salz-Zitronen. Fairerweise muss man aber erwähnen, dass die Rezepte hier wohl zum Teil überarbeitet wurden, bei der Verwendung von Salzzitronen, ist die Köchin aber immer noch mehr als großzügig. Sehr schade, denn hier wäre so viel möglich gewesen, aber letztendlich auch kein Weltuntergang! Meine Erfahrungen mit arabischen geprägten Köchinnen ist sowieso, dass diese sich manchmal schwer vorstellen können, dass wir zu Hause, mit weniger Essern am Tisch und auch weniger Erfahrung unterwegs sind, weil wir nicht jeden Tag so kochen und manchmal etwas mehr Anleitung brauchen. Grundsätzlich ist mir persönlich aber Leidenschaft und Kreativität bei Rezepten das allerwichtigste. Ich würde dieses Buch allerdings niemanden ohne Kocherfahrung empfehlen, das passt schlecht zusammen P.S. vielleicht hätte man erwähnen können, dass man Salzzitronen vorher ein wenig abspülen kann, um das Salz zu reduzieren. Bei der nächsten Auflage würde ich mir allerdings wünschen, dass Frau Molcho die Überarbeitung selbst in die Hand nimmt, denn das Buch verschenkt in der Umsetzung leider etwas von seinem Potential, weil normale Köche hier einfach frustriert aufgeben, wenn die Mühe sich nicht gelohnt hat.

Was hätte man sonst noch besser machen können?

Für mich hätte es die Werbung für die Isi-Flasche (eine Syphon-Flasche, die perfekten Schaum erzeugt) und die NENI-Eiscreme der Molchos im Buch nicht gebraucht. Sie gehen allerdings damit offen um und verstecken hier auch nichts, das spricht für die Autorin, trotzdem sind mir die Crowdfunding-Projekte lieber, auch wenn ich natürlich weiß, das Bücher machen heute auch Investoren-Geld bedeutet.

Fazit: Mir hat das Buch von Haya Molcho trotzdem gut gefallen, ich habe viele neue Ideen erhalten und liebe arabische Küche, die auch ein wenig Okzident enthält. Mir persönlich hat der Stil der Rezepte auch noch besser gefallen als bei Hayas Küche, das später erschienen ist und schon deutlich mehr westlich, regional geprägt ist. Frau Molcho ist sicherlich geschäftstüchtig, mir aber trotzdem sehr sympathisch, deshalb lass ich ihr auch die Werbung durchgehen, „Balagan“ hat mich konzeptionell überzeugt, auch wenn die Umsetzung noch steigerungsfähig ist.

 Herzlichen Dank für die Übersendung eines Rezensionsexemplars.

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