Pur

Solla Eiríksdóttir: Pur

Fotos: Simon Bajada

Phaidon Verlag

Preis: 29,95 €

Ernährung für ein neues Zeitalter

Worum geht‘s

Wir leben im Überfluss und müssen weder jagen noch einen Garten bestellen, um täglich etwas auf den Teller zu bekommen. Ein großer Fortschritt möchte man meinen, aber das Gegenteil ist der Fall: Wir überlassen es ertragsorientierten Lebensmittelkonzernen für die Qualität dessen was auf unserem Teller landet zu sorgen und zücken nicht die Rote Karte und drohen mit Boykott, denn der Preis ist heiß. Geiz ist geil und wozu für Essen das Geld bezahlen, was heimische Produzenten mit Anspruch und Qualitätsbewusstsein benötigen, um davon leben zu können. Beim Thema Ernährung spalten sich unsere Gesellschaften weltweit in zwei Lager: Da sind die, denen es gar nicht billig genug sein kann, um ihr Geld in teure Unterhaltungselektronik und Klamotten zu stecken und dann immer mehr Menschen, die zur zweiten Spezis gehören und sich jede Menge Gedanken um Nachhaltigkeit und Qualität bei ihrem Essen machen und sich deshalb häufig vegetarisch und vegan ernähren. An den Rändern dieser unterschiedlichen Gruppen kämpfen inzwischen viele mit Allergien und Unverträglichkeiten wie Gluten, Nüsse oder Lactose.

Was ist drin?

Island als europäischer Hotspot für eine neue Ernährungsphilosophie

© Simon Bajada

Wer hätte es für möglich gehalten dass, ein so dünn besiedelter Landstrich wie Island, auf dem sehr viele der frisch verfügbaren Lebensmittel wie Obst und Gemüse zusätzlich nur aus dem Import kommen, zum Hot-Spot für die internationale Veganer-Szene wird. Ich kann es schwer fassen, dass ein Volk, dass allein schon wegen der Witterungsbedingungen – die hier vorherrschen, ganzjährig auf vegetarisch veganes Essen Lust hat. Dem ist so, lerne ich schnell, denn wenn man Reisetipps für Island sucht, gibt es unglaublich viele vegane Blocks, die zu berichten wissen, dass in isländischen Supermärkten quer durch die Republik eine breite vegane Produktpalette ständig verfügbar ist. Vielleicht liegt es daran, dass eine spartanische Landschaft einfach eher zum Nachdenken anregt, wissen doch schon Feng Shui-Experten und Less is More-Befürworter, wenn wir uns die Wohnung zumüllen mit Konsumartikel, die wir eigentlich gar nicht brauchen, gerät das Wesentliche ins Hintertreffen und wir verzetteln uns. In Skandinavien ganz allgemein, dass stelle ich immer wieder fest, tun sich Menschen ein wenig leichter, wenn es darum geht zu erkennen, was wirklich essenziell ist.

Wie die Mutter, so die Tochter
– auf dem Weg zu einem vegetarischen Lifestyle

© mit freundlicher Genehmigung von Solla Eiríksdóttir

Solla Eiríksdóttir ist Star der Eat-Healty-Kultur in Island, betreibt mehrere Restaurants und gibt eine eigene vegane Produktlinie raus. Diese Frau ist höchst umtriebig und versteht es perfekt, sich als Ikone dieser Szene zu inszenieren.

Was bitte ist denn vegetarischer Lifestyle?

Diese Autorin ist mit Eltern aufgewachsen, die sich schon immer für Nachhaltigkeit interessiert haben. Eigentlich klassisch für Menschen die heute in der Mitte ihres Lebens stehen und mit 68er Eltern aufgewachsen sind. Das Ehepaar Eiríksdóttir sind Pädagogen gewesen, fermentiertes Gemüse aus dem eigenen Biogarten war bei dieser Familie als Begleitung so normal und selbstverständlich wie für uns ein grüner Salat als Beilage. Als Solla selbst Mutter wurde und mit allerlei Allergien und Unverträglichkeiten zu kämpfen hatte, wandte diese sich der rohköstlichen bio-dynamischen Ernährung zu. Für sie begann damit eine echte Obsession, weil es ihr mit dieser Ernährungsform schnell besser ging und alle Symptome verschwanden. Diese Überzeugung führte bei ihr dazu, dass, sie sich mit Menschen quer über den Globus vernetzt hat, um hier mehr zu lernen und noch tiefer in das Thema einzutauchen. Zurück in Island hat Solla Eiríksdóttir weiter an dieser Idee gearbeitet und auch ihre Wurzeln mit einbezogen. Die Großeltern wurden zu Ratgebern, die kompostieren auf kleinsten Raum erklärten und waren auch eine Hilfe, wenn es um die Tradition des Fermentierens ging.

Hildur Sollas Tochter steht für eine zeitgemäße und weniger dogmatische Weiterentwicklung dieser Lebensweise, als studierte Ernährungsexpertin, ist die pflanzenbasierte Vollwertkost ihr Thema,  damit sorgt sie für moderate Anpassung, denn nur roh kann sich kaum jemand ernähren. Keine Angst, sie werden also nicht zum Rohköstler bekehrt, sondern begegnen Rezepten, die erst mal gesund sind, ermuntern nachzudenken und Ernährung als eine gesellschaftliche Haltung und Überzeugung verstehen und das ist wohl gemeint, wenn bei diesem Buch von vegetarischem Lifestyle gesprochen wird.

Quer durch die ambitionierte Speisekammer von Ernährungs-Ethiker

Die Einteilung der Rezepte erfolgt im Turnus der Mahlzeiten und legt großen Wert auf saisonale Ausrichtung, im Frühling steigt die Lust auf Gesundes und der Sommer lädt ein, aus dem Vollen zu schöpfen. Im Herbst können wir noch mal richtig, die Keller füllen und im Winter gilt es damit auszukommen was da ist: Es geht um Energiemixe, Smoothies & Shots, Joghurt & Porridge, Knuspermüsli, Superfood in Form von Algen und Acaibeeren, gesunden Latte und Kaffee, gesunde Ostereier, Rhabarbermarmelade, Detox, Cracker, Humus, Energie-Riegel, Sushi, Schüsseln to go, Grünkohl-Chips, Dinkel-Calzone, Korianderkraut-Chutney, Sauerteigpizza, Bowls, Linsensalat mit Rosenkohl und würzigen Pekanüssen, eine Suppe quer durch den Garten, Wiesenampfer-Pesto, Wildbeeren, fermentierte Karotten, konservierte Kräuter, Saatenbrot, gesunde Lasagne, Falafel, Taco und jede Menge gesunder Pizza.

Prenzlauer Berg und Skandinavien
– die Unterschiede scheinen nicht mehr so groß!

Vom Prenzlauer Berg wissen viele zu berichten, dass hier eine besondere Spezies unterwegs ist. Gut ausgebildete Mittel-Schichtler, die sich Ethos und Nachhaltigkeit leisten können. Vielleicht ist das Buch hier richtig, aber ich wäre traurig, wenn es nur so identifiziert wird. In diesem Buch wird versucht, gesunde Ernährung zur Lebensform zu erheben. Das ist richtig, auch wenn ich mir zugebenermaßen mal Frikadelle und Bratwurst gönne. Ich bin weder Prenzlauer Berg noch verkopfte Öko-Tuzzi, ich bin offen und stelle fest, die Gesellschaft spaltet sich ernährungstechnisch. Bedienen wir Klischees dann gibt es die, denen es nicht gesund genug sein kann und andere denen es nicht billig genug sein kann. Eine gesunde Alternative ist ein Blick über den Gartenzaun wert und kann auch Familien mit unterschiedlichen Essgewohnheiten und Unverträglichkeiten wieder am Tisch vereinen. Jedes Rezept von Solla wurde dafür entsprechend mit Piktogrammen qualifiziert, das macht einiges leichter, auf Anhieb das richtige zu finden.

 Fazit: Dieses Buch ist ein wichtiger Beitrag zur gesunden Ernährung in 2017, weil es alles was gesund und köstlich ist, zwischen zwei Buchdeckel zu bringen versucht, Rohkost, Vegetarisch, Vegan, Ayurveda, Superfood & Co. Den Einen ist das zu viel Ethik und Hipstertum, den anderen schlichtweg zu aufwendig. Ich fand es auch als Nicht-Ernährungs-Apostel spannend wie sich bei diesem Thema im Moment gerade sehr viel miteinander vermischt und extreme Positionen aufgegeben werden. Man ist nicht mehr nur Roh-Köstler, Vegetarier oder Veganer, sondern bedient sich überall ein bisschen. Optisch versteht dieser Titel die Botschaft der Reduzierung ästhetisch wunderhübsch zu verpacken und zu transportieren. Es ist kein Zufall, dass dies gerade in Skandinavien und Island beginnt, diese reduzierte Landschaft, ist ein perfektes Pendant zur puren Lebens-Philosophie, wunderbare Fotos, die ungeheuer ansprechend sind, belegen das. Wer vorher noch nicht Fan von Land und Leuten war, läuft Gefahr sich zu verlieben. Nachhaltigkeitsthemen komplementieren das Setting, sind jeweils aber nur Ausflüge. Dieses Buch ist speziell und erfordert definitiv Einsatz, sowohl bei der Zubereitung als auch im Portemonnaie, wenn es um Zutaten wie Acaibeeren-Pulver und anderes geht. Aber es lohnt sich einen Blick hinein zu werfen, für Vegetarier und Veganer mit Ambitionen oder einfach auch nur für Menschen, die neugierig sind und wissen wollen, wie es bei uns ernährungstechnisch weiter gehen kann.

Vielen Dank für die Übersendung eines Rezensionsexemplars.

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2 Gedanken zu “Pur

  1. Ich denke das Buch ist auch für eingefleischte Köche interessant, denn wer will schon jeden Tag Tier essen, aber oft fehlen die alternativen Ideen, nicht aus Unwillen, sondern aus Gewohnheit. Leckere Rezepte finden immer den Weg in das eigene Alltagsleben, egal mit welchen Zutaten gearbeitet wird und inzwischen ist ja jeder Supermarkt ausreichend bestückt für jede Food-Szene 🙂

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    1. Leider sind nicht alle so offen wie Du, aber ich finde es wichtig, dass wir uns immer mal wieder ein schmecken in fremde Welten, wer hätte schon vor 10 Jahren gedacht, dass vegan so viele Menschen begeistern könnte! Ich habe vor 20 Jahren mal eine Kollegin gehabt, die das praktiziert hat, konnte mir aber nicht vorstellen dass das auch tendenziell was für mich ist. Heute bin ich froh, dass ich hier mal was Neues kennenlernen konnte.

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