Das Prinzip Sonntagsbraten

Christoph Brand: Das Prinzip Sonntagsbraten

Edition Michael Fischer

Preis: 29,99 €

Ich kann die Welt nicht retten, finde aber die Idee sehr gut….

 Worum geht’s?

 Diese Zeilen aus dem Song von Samy Deluxe waren letztendlich der Wink mit dem Zaunpfahl und der letzte Anstoß für dieses Buch! Christoph Brand ist nicht nur leidenschaftlicher Koch, sondern auch Familienvater, und mit seinem Catering-Unternehmen in einer Branche unterwegs wo vieles möglich ist, aber kaum mehr jemand selber am Herd steht, obwohl man dazu heute durchaus nicht Popstar werden muss, dass tun geschätzte 70 % der Deutschen sowieso und überlassen Discountern und Lebensmittelkonzernen was uns schmeckt und was in unserem Essen drin ist. Wer es sich leisten kann und noch Ansprüche an Geschmack und die Zusammensetzung dessen was auf seinem Teller landet hat, wählt halt einen der wie Pilze aus dem Boden schießenden Lieferdienste und dessen Kochbox diktiert dann, was bei uns von Montag bis Freitag nach Feierabend gegessen werden soll.

Mutter und Großmutter haben noch selber entschieden – heutzutage lassen wir entscheiden!

Samy Deluxe hat es ja frappierend einfach auf den Punkt gebracht, es geht auch anders, kleine Rettungsversuche sind auch schon mal was und am besten da anfangen, wo man gerade steht und mitmachen, selber entscheiden was uns schmeckt und auch die Produzenten wieder das machen lassen, was diese eigentlich am Liebsten tun würden, gute unverfälschte Lebensmittel anbieten und nicht von einer Industrie regiert werden, die den individuellen Genuss versagt und anderen mit einer mörderischen Preispolitik, die Luft zum Atmen und deren Erwerbsgrundlage nimmt.

Die Idee saisonal zu kochen ist nicht neu, wer wie ich in den 60igern auf dem Land aufgewachsenen ist, kennt es häufig nicht anders. Viele Familien hatten ihren eigenen Gemüsegarten, in dem die Mütter und Großmütter von Kartoffeln über Salat, grüne Bohnen und Einlegegurken ziemlich alles angebaut haben, was der Familie schmeckte und die Zeit bis zur nächsten Saison überbrücken konnte. Fleisch, Milch und Eier kamen bei uns häufig direkt vom Bauer in der Straße und der Braten nur am Sonntag auf den Tisch, wenn Familie und Verwandtschaft sich die Zeit nahm, sich mit diesem leckeren Special-Act, um den Essenstisch zu scharen. Heute bieten sich für uns jede Menge Möglichkeiten, an tolle regionale Produkte zu kommen, wir haben es aber verlernt, diese kreativ und schmackhaft zuzubereiten. Jammerschade ist das – muss aber nicht so bleiben!

Was ist drin?

In diesem Buch hat Christoph Brand, es sich zur Herzensangelegenheit gemacht, die Ideen unserer Mütter in vier Jahreszeiten mit vier Wochenplänen mit den Möglichkeiten von heute und seiner Handschrift, die ebenso saisonal wie auch rockig, ist lecker und spannend auf den Teller zu bringen.  Zur Verstärkung hat er Köche und vor allem auch liebe Freunde von ihm, wie Lucki Maurer, Meta Hildebrandt und Stefan Marquard gebeten, uns den einen oder anderen Sonntagsbraten zu spendieren, und so gibt es tolle „Gast-Braten“, die jeden Sonntag zu einem noch besseren Sonntag werden lassen können.

Eine Prise Nordhessen, eine Prise mediterran und zum Schluss bitte auch einen Hauch asiatisch

Dieser Koch versteht sich als Grenzgänger und rockt auch gerne mal die Küche. Christoph Brand zählt sich zu der Riege der „Jungen Wilden“ in der Küche, die mit Zottelbart und jede Menge Tatoos den Kochlöffel schwingen, dabei sind die Spezialitäten der heimischen nordhessischen Peripherie wie „Ahle Wurst“ ebenso unverzichtbar wie der mediterrane Salbei und süße Chilisauce und Kokosmilch, die er zu einer kulinarischen und optischen Augenweide für „Veggies“ als Süßkartoffel-Curry mit Basmatireis und pinken Blumenkohl inszeniert. Ein schnöder toskanischer Brotsalat geht beim ihm auch saisonal und kommt als Spargel-Brot-Braten auf den Tisch, der für uns sehr verführerisch war, weil in diesem Rezept grüne Sauce-Kräuter in einer Schmand-Sauce wie das Tüpfelchen auf dem i mit den getrockneten Tomaten harmonieren und Balsamico und süßer Senf richtig gute Aroma-Kumpel werden. Christoph gehört zu den Herdakrobaten, die furchtlos regionale Klassiker entstauben, und beim Kombinieren der Zutaten auf Schubladendenken pfeifen. Für diesen Herrn sind Regeln und feste Aroma-Partnerschaften wahrscheinlich, der Anfang vom Ende und man sieht seinen Kreationen an, mit wieviel Liebe und Kreativtät dieser leidenschaftlich getriebene Tausendsassa bei der Sache ist.

Wer ist der Autor?

 „Du musst kochen lieben, als wärst du immer Gast geblieben“ – diesem Lebensmotto ist der kreative Ausnahmekoch und Grillmeister der TV-Sendung „Beef – Das TV-Magazin“ (RTL Nitro) Christoph Brand stets treu geblieben. Inspiriert von seiner Leidenschaft für Musik – insbesondere den Hip-Hop – gründete er 2005 das Cateringunternehmen „Fliegende Köche“, das Stars wie Wir sind Helden, Jan Delay oder Max Herre auf ihren Touren begleitet. www.christoph-brand.com.

Hauptrolle Sonntag oder Neudeutsch Sonntag feat. ….

 Christoph ist nicht nur ein kreativer Derwisch, für den Regionalität nicht nur ein Trend ist, sondern es scheint  ihm um viel mehr zu gehen, fest verzahnt mit seiner nordhessischen Heimat zeigt er mit seinem Koch-Stil einen neuen Weg auf, wie sich die regionale Küche neu erfinden kann. Seine Rezepte wollen überraschen optisch und auch visuell, seine Kreationen sind für mich saisonal regional 2.0: einen Teil kennen wir noch von Muttern, wie bei seinem Eintopf mit Blumenkohl-Brokkoli und Romanesco, der an die gute alte Hühnersuppe erinnert, Christophs Kreation überrascht jedoch auch mit geräucherter Entenbrust und Sojasauce und zum Nachtisch gibt es dann den Streuselkuchen der Oma, diesmal aber mit Mandelmehl. Damit ist er den Kollegen weit voraus, die unter dem Trend-Thema Regionalität erstmal nur verstehen, dass wir uns wieder mit den All-Time-Klassikern beschäftigen.

Neben diesen Ausflügen in eine neue saisonale Küche spielt vor allem der Sonntag die Hauptrolle und wie in einer guten Band wird dann gejamt was das Zeug hält. Dieser Koch ist ebenso unorthodox wie sympathisch und bestens in der Szene vernetzt und so dürfen wir uns auf Sonntage freuen, die z. B. von Lucki Maurer mit einem genial einfachen und ebenso leckeren Burgunderbraten, Spätzle und Endivensalat gefeat. werden. In jedem Kapitel darf ein anderer Gast-Koch loslegen und die Liste der Special Guests wartet mit weiteren prominenten kulinarischen Grenzgängern von Heiko Antoniewicz über Stefan Marquard, Meta Hildebrand bis hin zu Veronique Witzigmann auf.  Die Mischung stimmt und diese Kumpel haben sich anscheinend nicht nur kulinarisch was zu sagen, wenn man die Bilder der gemeinsamen Sessions anschaut. Auch Familie und alte Weggefährten dürfen dabei nicht fehlen und werden mit Sebastian Brand  und Katja Hack komplettiert.

Buddies, Köche, Freunde und Produzenten – Casting nein danke!

 Regionale und saisonale Koch-Trendsetter gibt es im Moment viele und dieser Trend ist auch in der Spitzen-Gastronomie längst nicht mehr wegzudenken. Ob es jemand ernst damit meint, kann man ja nur beurteilen, wenn er eigene Akzente setzen kann, die ebenso kreativ sind wie auch authentisch. Christoph Brand greift dabei nicht nur in die Trickkiste eines kulinarischen Querdenkers, für den es kein Schubladen-Denken gibt, sondern hat sein Buch gemacht, indem er die „Ahle Wurst“ seiner nordhessischen Heimat feat., die darf ebenso bei Möhren mit Drillingen, wie auch bei der Roulade mit Frühlingsrolle und Salatrolle dabei sein.

Begeistert hat mich aber in diesem Buch vor allem die Besuche bei den Produzenten, die ebenfalls beim Koch um die Ecke in Nordhessen beheimatet sind. Auch das ist nicht neu, aber meistens hat man bei diesen Beiträgen oft das Gefühl, irgendein kreativer Kopf hat dies dem Autor verordnet, um ein Buch lebendiger und authentischer zu machen. Lebendig kann es aber nur sein, wenn eine echte Story geboten wird mit Hauptdarstellern, die mit Herzblut und Leidenschaft dabei sind und nicht irgendwelche schnell gecasteten Vorzeige-Vertreter, die mit Konserven-Pressetexten präsentiert werden, die vor Allgemeinplätzen nur so strotzen. In diesem Buch habe ich deshalb nicht schnell weiter geblättert und mit Spannung Geschichten und persönliche Interviews gelesen von Menschen wie Hubertus Nägel aus Hombergshausen einem kleinen Ort südlich von Kassel, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen. 120 Einwohner hat man dort. Viel mehr gäbe es über dieses Dorf auch nicht zu sagen, wenn da nicht eine außergewöhnliche Fabrik ansässig wäre. Seit 2014 betreiben nämlich Julia Becker und Hubertus Nägel ihren Hof gewerblich und verkaufen Ahle Wurscht von glücklichen Schweinen. „Tierfairbrik“ heißt ihr Baby, und wenn man in den Hof der beiden einfährt, merkt man sofort, dass hier einiges gar nicht so läuft, wie man es vielleicht sonst kennt. Da steht etwa ein riesiges Zirkuszelt einfach so in der Gegend herum, man findet Hipster-Interieur im Kuhstall und ein ausrangierter Wohnwagen dient als Hühnerstall.

 Fazit – oder für wen ist das was?

Mir hat das Buch gut gefallen, Christoph Brand scheint ebenso sympathisch wie dickköpfig zu sein, um sein Buch zu machen, gut so, denn alles andere haben wir schon häufiger gesehen. Er spielt hier nicht nur den jungen Wilden, sondern ist sich selbst treu geblieben, dazu gehört die „Ahle Wurst“ seiner nordhessischen Heimat, Produzenten, die echte Geschmacksverliebte sind und ebenso wie er auch ihr Ding machen wollen. Es gibt genial einfache und super leckere Rezepte wie den Burgunderbraten von Buddy Lucki Maurer, der uns super geschmeckt hat, aber auch grenzübergreifende Bastelstunden mit dem Haupt-Act, der seiner Passion treu bleibt und uns hier und da in die Welt der Profis entführt, die auch mal mehr Ausdauer und Handwerk einfordert, als bei Jamie und Co. Wer also Typen mag, die ebenso sympathisch wie kreativ und bodenständig sind und aus dessen Boxen auch schon mal Hip-Hop dröhnt, außerdem weiß, dass die Welt niemals in einem Tag, einer Woche oder einem Monat gerettet werden kann, lieber loskocht, als palavert und auch mal eine Herausforderung schätzt, den kann ich mir echt gut als Kumpel für dieses Buch vorstellen.

Vielen Dank für die Übersendung als Rezensionsexemplar.

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