Ein Tag in Istanbul

Yelda Yilmaz: Ein Tag in Istanbul
– Rezepte & Geschichten vom Bosporus

Hölker Verlag

Preis: 24,95 €

1001 schöne Ausblicke und jede Menge Leckeres dazu

 Worum geht’s?

 Istanbul, die türkische Mega-Metropole liegt mit ihren rund 10 Millionen Einwohnern sowohl auf der asiatischen als auch auf der europäischen Seite beider Kontinente. Diese Stadt, in der Antike Konstantinopel genannt, kann auf eine dreitausendjährige Historie zurückblicken und ist eine der ältesten noch bestehenden Städte der Welt. Viele in osmanischem Baustil errichtete Gebäude erinnern noch an diese Jahrhunderte währende Geschichte. Aber wie nähert man sich dieser, Stadt, die ebenso ein chaotischer Moloch sein kann und es trotzdem verstanden hat, ihren Zauber und ihre Magie zu bewahren. Wer schon einmal den Bosporus mit dem „Vapur“, der historischen Bosporus-Fähre befahren hat; am besten im April, wenn die Judasbäume blühen und die Hänge am Bosporus rosa leuchten, der lässt mit Freuden und ohne mit der Wimper zu zucken alle Palast- und Moschee-Touren links liegen.

Komm mit ich zeig Dir mein Istanbul!

Länderkochbücher, besonderes italienische Kochbücher laufen wie geschnitten Brot. Kunststück, wer holt sich nicht gerne einen verlängerten Urlaub in die heimischen vier Wände? Verlage und Agenturen reagieren auf diese stetige Nachfrage nach kulinarischer Urlaubslektüre mit Bildbänden und Kochbüchern. Viele Konzepte sind jedoch häufig gähnend langweilig, neben Fotos von Sehenswürdigkeiten und Konserventexten, finden wir die All-Time-Klassiker Rezepte der jeweiligen Region, aber Kreativität und eine persönliche Begegnung bleiben dabei auf der Strecke. Fast könnte man den Eindruck haben, als wenn wir eine klassische Stadt-Tour gebucht haben und mit einem Führer unterwegs sind, der vollkommen unbeteiligt jede Stunde immer wieder dasselbe Programm abspult. Yelda Yilmaz ist ein bemerkenswert anderes Buch gelungen, das uns einen ganz anderen sehr persönlichen Einblick in die vergessene Schönheit Istanbuls gewährt: die Fotos sind poetisch schön und zeigen die türkische Metropole mit ihren Menschen, ihrem Alltag und Gottseidank ohne Folklore-Touch. Die Reise durch dieses Buch ist schön und anrührend zugleich, weil auf jegliches unnötige Beiwerk und Allerwelts-Texte verzichtet wird. Die wenigen Textbeiträge korrespondieren vortrefflich mit den Fotos und können diese besondere Stimmung dieses wunderschönen Buches noch unterstreichen, da hier auf Texte und Gedichte zurückgegriffen wurde, die lebendige Bilder heraufbeschwören können: ich spüre geradezu den Fahrtwind der Fähre wie er mir durchs Haar streicht und ich genieße die Betriebsamkeit der Händler auf dem Bazar und habe fast den Eindruck ich bin mittendrin in diesem Gewimmel.

Yelda Yilmaz war schon früh begeisterte Analogfotografin und studierte Fotografie und Visuelle Kommunikation/Medien an der HfBK in Hamburg. Als freie Fotografin kocht und backt sie am liebsten, trifft neue Menschen, besucht fremde Orte und füllt damit Bücher. 2014 rief sie den Hamburger Food Swap ins Leben, bei dem sich die unterschiedlichsten Menschen treffen, um bei einem gemeinsamen Abendbrot Rezepte und Selbstgemachtes zu probieren und zu tauschen.

Wir kochen für Dich – oder wie wäre es mit einem kulinarischen Ausflug?

 Yelda ist zwar in Deutschland geboren, hatte aber das Glück, ein Teil ihrer Kindheit in der Türkei in der Stadt Zonguldak am Schwarzen Meer zu verbringen. Essen war in ihrer Familie nie ein großes Thema, aber es war immer da, ganz selbstverständlich, ganz unprätentiös, fast so wie atmen, man tut es einfach. Die Familie kam zusammen, um das Leben zu genießen, gemeinsam zu essen und sich um einander zu kümmern.

Alles was sie heute über das Kochen weiß, hat sie von ihrer Mama gelernt, die eine begnadete Köchin ist. Viele der Rezepte in diesem Buch stammen von ihr und mit ihnen verbindet die Autorin glückliche Erinnerungen. Nach monatelangen Recherchen und häufigen Besuchen in Istanbul wurde es Zeit, alles Gesammelte zu kochen und festzuhalten. Yelda Yilmaz und ihre Mama zogen dafür zwei Wochen zusammen, es wurde gekocht, probiert, gelacht und fotografiert. Herausgekommen sind dabei 65 Rezepte die unseren kulinarischen Ausflug nach Istanbul von morgens bis abends köstlich begleiten. Die Fotografin achtet natürlich immer auf Licht und so ist es nicht verwunderlich, dass dies die Kapiteleinteilung bestimmt.

Morgensonne – Mittagshitze – Abenddämmerung – Nachtlichter

 Frühstückslust

In der Morgensonne genießen wir Cay (türkischer Tee) und Simit (Sesamkringel) zum Frühstück. Wer Konfitüre aus getrockneten Feigen oder Orangenmarmeladen dazu möchte, sollte wissen, dass Gelierzucker in der türkischen Küche nicht üblich ist, es wird also sehr süß, wem das zu viel ist, der passt es nach seinem Gusto an, eine türkische Konfitüre ist allerdings sehr flüssig. Spannend ist für mich auch das Rezept für Kaymak, ein Rahm aus Büffelmilch. Sicherlich gibt es diese nicht im Supermarkt um die Ecke, sondern nur online, er lässt sich jedoch auch aus Kuhmilch herstellen, weiß die Autorin zu berichten. Außerdem gibt es ein leckeres Pfannenbrot mit Mohnpaste, Traubensirup, Tahin und Pistazien. Mir haben es jedoch auch die pochierten Eier auf Joghurt (Cilbir) angetan, auch wenn diese ein wenig tricky sein können in der Zubereitung. Wer sich das ersparen will, nimmt mit gekochten Eiern Vorlieb. Außerdem im Angebot: Pide mit Lammgulasch oder Menem (Rührei mit Tomaten und Paprika) und das ein oder andere mehr.

Mittagsimbiss

 Neue Ideen und glücklicherweise auch viele Optionen für Vegetarier

In der Mittagshitze schmecken Karotten-Puffer, die eine Adaption eines Restaurant-Rezepts sind, was Yelda auf ihren Streifzügen durch Istanbul entdeckte und zu einer eigenen Version gemacht hat und das bei weitem nicht das einzige kulinarische Mitbringsel in diesem Buch ist. Mir haben diese besser als das Original mit Zucchini geschmeckt, außerdem mag ich die Abwechslung, um die sich die beiden Köchinnen hier bemühen. Es wird eine Variante eines türkischen Brotsalates  mit Artischocken serviert und auch bei den gefüllten Weinblättern mit einer Füllung aus Barschfilet herrscht keine kulinarische Langeweile. Mit Tintenfischringen mit Tarator-Dip oder gefüllten Miesmuscheln und einem marinierten Oktopus-Salat, ist die Fisch-Fraktion vertreten und zusätzlich gibt es jede Menge Dips, Suppen und Salate, die auch an heißen Tagen nicht zu schwer im Magen liegen, vieles dabei ist vegetarisch, nur für ausgewählte Klassiker wie mit Hackfleisch gefüllte Bulgur-Klöße und das Lahmacun gilt das nicht.

Zum Abendessen, darf es dann auch schon mal deftiger zugehen!

In der Abenddämmerung liegen schmackhafte Kebabs und Manti auf dem Teller und für die Inegöl Köfte werden Familiengeheimnisse gelüftet, ein bisschen Salz mehr braucht es nicht, sagt Yelda, danach erst mal für 15 Minuten ab in den Kühlschrank. Das ist notwendig, damit die Köfte beim Braten nicht zerfallen. Die gefüllten Auberginen überraschen mit einer leichten aromatischen Kräuterfüllung und der herrlich unkomplizierte weiße Bohnentopf ist eine Reminiszenz an die einfache türkische Handwerkermalzeit, wie sie in den Kantinen und kleinen Restaurants geliebt wird. Köfte können auch als vegetarische Version mit Feta punkten und die frittierten Sardellen erinnern Yelda Yilmaz an ihre Kindheit am Schwarzen Meer. Reis-Küchlein mit Hühnchen machen zwar ein wenig Arbeit, sind jedoch nicht nur sättigendend, sondern machen sich auch als Beilage gut. Dabei gilt, wem es um das Tier-Wohl geht, der verwendet natürlich das ganze Huhn und kauft keine Filets, allein schon wegen der aromatischen Brühe die dafür notwendig ist.

Nachtgestalten halten länger durch, wenn es auch mal süß und fettig wird!

 Wenn Ihr Euch fragt, warum es in diesem Buch nachts süß und auch mal fettig zugeht, dann liegt die Antwort fast auf der Hand: Schmalzgebäck ist keine Sünde, wenn wir es nach einer durchtanzten Nacht, gerne auch in einem angesagtem Klub Istanbuls, noch ganz warm und frisch auf dem Weg ins Hotel genießen. Türkische Süßspeisen wie Baklava, in diesem Kochbuch übrigens auch mal mit einem selbstgemachten Teig dafür, Yeldas Mutter verfügt schließlich über einen großen Erfahrungsschatz und Teig kaufen können wir ja auch wenn es mal schneller gehen soll, können auch den müdesten Krieger wieder Leben einhauchen. In diesem Kapitel wurde aber von dem Mutter und Tochter-Gespann sehr drauf geachtet, diesen süßen Sünden ein wenig alltagstauglichere und weniger Kalorien lastige süße Optionen an die Seite zu stellen, es gibt genauso mit Rahm gefüllte Aprikosen und Milchreis aus dem Ofen. Zum Abschluss eines gelungenen Abends darf natürlich auch der türkische Mokka nicht fehlen.

 Fazit – oder für wen ist das was?

 Hier ist ein ebenso authentisches wie zeitgemäßes, kreatives türkisches Kochbuch gelungen! Die Rezepte der Mutter und die kulinarischen Mitbringsel der Tochter, sorgen für Abwechslung auf dem Teller und liefern keinen Einheitsbrei, ohne das wichtige Klassiker vergessen wurden. Dieses Kochbuch geht nicht nur optisch einen neuen Weg, sondern kann auch Vegetarier abholen. Es kennt die Themen, die Kochbuch-Begeisterte im Moment alle interessieren und wartet ebenfalls auch mit Rezepten für eingelegtes Gemüse und fermentierter Hirse auf. Es gibt viele schnelle und einfache Gerichte, was besonders bei den süßen Verführungen unseren Zeitbudgets doch sehr entgegen kommt. Da wo es geschmacklich sinnvoll ist, wird auch mal nicht vor Einsatz zurückgeschreckt, wer das nicht will, der bekommt aber immer eine Alternative angeboten. Es zeigt mit jedem Foto mit jedem Rezept, wie sich die Erfahrung und Lebenswelten von Mutter und Tochter wunderbar befruchten und das macht dieses wunderschöne Buch zur türkischen Küche aus, dass mir ausgesprochen gut gefallen hat, weil es mir eine kreative und moderne Begegnung mit Istanbul und der türkischen Küche eröffnet und nicht nur Standard-Stadt-Führung sein will.

Herzlichen Dank für die Übersendung eines Rezensionsexemplars.

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