Das Beste aus 30 Jahren

Martina Meuth/Bernd „Moritz“ Neuner-Duttenhofer: Das Beste aus 30 Jahren

Fotos: Hubertus Schüler

BECKER JOEST VOLK VERLAG

Preis: 28,–€

ET: 29.03.18

Kochen als Handwerk und nicht als Show – oder Sie haben drei Küchen aber kein Sofa!

 Als Martina Meuth und Bernd „Moritz“ Neuner-Duttenhofer vor 30 Jahren das Konzept für ihre Kochsendung, damals noch in der ARD entwickelten, galt Kochen noch als eine tägliche lästige Arbeit. Die Erwartungen der Zuschauer waren, es sollte vor allem preiswert sein und schnell gehen. Heute ist Kochen mit Sendungen wie Kitchen Impossible und anderen Shows vor allem Entertainment, das viele Fans vor den Bildschirm lockt. Das Paar lebt, schreibt und kocht auf einem alten Apfelgut am Rand des Nordschwarzwalds. Kennengelernt haben sich die beiden 1976. Sie war bei der „Freundin“, hat dort das Kochressort geleitet. Zur Schwesterredaktion im selben Verlag kam ein neuer Ressortleiter, das war er. Zuerst hat sie sich immer ein bisschen über ihn lustig gemacht. Wie es so ist, neue Kollegen werden besonders gründlich beäugt. Es gab dann aber eine Pressereise und beim ersten Stopp des Busses standen die beiden zusammen, und Martina hatte einen Campari in der Hand, und sie plauderten miteinander und plötzlich lag ihr Glas auf dem Boden, ziemlich unangenehm war das, weil es ihr gleich darauf noch mal passiert ist. Beim Abendessen – da saßen sie schon nebeneinander – haben die beiden dann festgestellt, dass sie die gleichen Dinge gerne essen. Daran hat sich in den letzten 30 Jahren nicht viel geändert, allerdings ist Moritz lieber im Garten und Martina noch lieber in der Küche.

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 Dem Journalisten-Paar ging es nie um die Show, sondern sie kochen einfach! Sie verstehen sich als Mentoren für das Kochen und zeigen seit 30 Jahren jede Woche ihren Zuschauern, wie diese in der heimischen Küche aus frischen Zutaten ein gutes Essen zubereiten können, das in überschaubarer Zeit und ohne großen Aufwand auf den Tisch steht und ohne Geschmacksverstärker und ähnlich gesundheitlich fragwürdige Zusatzstoffe auskommt. Das ist nicht nur Fix-Küche auf die ehrliche Art, ohne Fake und Show, sondern jedoch jede Menge Service, für Menschen, die gerne kochen, aber das nicht mehr von der Mutter oder Großmutter gelernt haben. Sie erklären Tipps, Kniffe und zeigen wie sich Arbeit und Mühe, durch den geschickten Einsatz von Küchengeräten, die die allermeisten sowieso zu Hause haben, reduzieren lassen. Die Investition für den Thermo-Mix könnt ihr Euch zum Glück sparen, meistens reicht ein Pürierstab und eine ganz normale Küchenmaschine. Mit pädagogischem Eifer lehren Martina Meuth und Bernd „Moritz“ Neuner-Duttenhofer in ihrer Kochsendung das TV-Publikum die einfache, gute Küche. Ihre Kabbeleien gehören seit 30 Jahren ebenso zum Programm wie Geling sichere Rezepte und sind zum Glück weit von den Faxen entfernt, für die sich heutzutage sogenannte Spitzenkoche nicht zu schade sind.

Was gibt es denn?

 Alltagsküche zwischen Leidenschaft und geschmacklicher Perfektion…

 Moritz und Martinas Koch-Stil, lässt sich als regional, saisonal bezeichnen: Als Witzigmann mal für ein Koch-Shooting zu Gast war, war er direkt von den Socken, dass die Suppe aus dem eingefrorenem Gartengemüse so lecker schmeckte, als wäre dies direkt vorher dort geerntet worden. War es aber nicht, das Shooting fand nämlich im Winter statt. Außerdem hat Martina ein ausgesprochenes Faible für die thailändische Küche und Moritz hat nicht nur italienisch von ihr gelernt, sondern kocht mit ihr auch sehr gerne italienisch.

Vorspeisen und Häppchen, damit das Essen schon mal gut losgeht: Avocado mit roher Tomatensauce und pochierten Ei, ist nicht nur ein leichtes und bekömmliches Gericht, sondern macht auf dem Teller eine extrem gute Figur. Die gute Nachricht, endlich erklärt uns jemand mal, wie Eier richtig pochiert werden, da sind schließlich angehende Spitzenköche schon daran verzweifelt. Weggeschmissen wird auch nichts, die Tomatenkerne bilden die Basis für eine würzige Sauce. Wer die nächste Party plant, kriegt gleich jede Menge Ideen für leckere Crostini oder kann mit einem Vorspeisen-Salat aus rohem Spargel mit Kaninchen –Rücken, die Familie beim großen Ostermenü überraschen.

Suppen und Eintöpfe, machen nicht nur viele satt, sondern auch wohlig glücklich: Die griechische Zitronensuppe ist eine unglaublich erfrischende Suppe, wenn man die richtigen Zitronen hat. Dass Ihr Euch da kein X mehr für ein U vormachen lasst, dafür sorgt, die kompetente Warenkunde, die beiden gleich mitliefern. Vergesst dabei auch mal ganz schnell, die unsäglichen Brühwürfel, die gehören in diesen Klassiker nicht rein, da machen die Autoren keine Kompromisse und das ist unbedingt gut so. Oma hat früher einfach die doppelte Menge gekocht und dann passt das schon und das ist auch hier der Fall, dass Grundrezept kalkuliert mit 4 – 6 Portionen, der Rest schmeckt noch mal so gut wieder erwärmt.

Pasta, Risotto und Kartoffeln dürfen nicht fehlen: der legendäre Kartoffelsalat wird ausführlich in allen Variationen Süd- u. Nord tauglich erklärt und darf auch noch einen Ausflug über den Brenner unternehmen. Es gibt familientauglichen Nudelauflauf, natürlich in der Version köstlich, was anderes ist bei den beiden einfach nicht vorstellbar, dafür sind sie mit zu viel Leidenschaft am Werk. Mein absoluter Liebling in dieser Rubrik und ein Rezept, dass mir gezeigt hat, wie man Okras zubereitet, ohne dass die so ekelhaft schleimig werden, ist ein wunderbar würziger Philippinischer Kartoffel-Hackfleisch-Topf (Picadillo). außerdem zeigen Martina und Moritz, wie es mit dem Risotto klappt. Die Spaghetti aglio olio, kochen heute viele, allerdings nicht in der geschmacklichen Perfektion, wie es diese beiden können.

Bei den Gemüsen rücken sie den sperrigen Artischocken gekonnt zu Leibe und erklären, wie man sich diese handzahm macht, füllen einen staatlichen Kohlkopf mit Hackfleisch und zeigen damit es geht auch spannender als mit Mutters Wickel.

Martina als erklärter Asien-Fan zeigt, wie man Sushi zu Hause hinbekommt und serviert grünes Kokos-Curry und einen Thai-Salat mit gehackter Entenbrust.

Es gibt außerdem Fisch, Fleisch und leckere Desserts: Forellen in Folie werden aus dem Backofen geholt, der Loup de Meer in der Salzkruste gelingsicher erklärt und das perfekte Steak gebraten. Wirklich neu und interessant war für mich, dass man ein Steak ohne Öl direkt auf Meersalz garen kann.

Das Niedrigtemperatur garen von Fleisch wird dabei gleich mit erklärt, außerdem servieren die beiden wirklich saftige Königsberger Klopse und präsentieren eine superschnelle Version der Mousse au Chocolat.

Fazit: Dieses Paar ist ebenso geschmacksverliebt wie perfektionistisch und zickt sich um der Sache willen in der Küche gerne mal an. Allerdings würden sie es nie übers Herz bringen, uns nicht mit dem perfekten Rezept nach Hause zu schicken. Spitzenköche tun genau das gerade nicht, als Profis ist ihnen das Verständnis für uns Alltags-Kocher abhandengekommen. Die lästige Angewohnheit, dass heutzutage jeder von denen meint, an ihm ist ein Fernseh-Star verloren gegangen, wenn nicht gleich ein Comedian, lasse ich mal unkommentiert. Schuster bleib bei Deinen Leisten ist da meine Devise: Das haben Martina und Moritz nie anders gemacht und beweisen seit 30 Jahren, das ihre Rezepte, immer funktionieren. Vieles habe ich schon seit langen Jahren im Programm und es sind die wenigen Rezepte, die ich immer wieder hervorkrame, obwohl die Versuchung etwas Neues auszuprobieren bei mir nun wirklich hoch ist. Nur durch die beiden habe ich gelernt, wie Okras eben nicht schleimig werden. Wer auch gerne noch mal die Kochschule besucht, um ein Rezept von der Pike auf zu beherrschen, ist mit diesem Kochbuch-Klassiker wirklich sehr gut beraten!

Vielen Dank für die Übersendung als Rezensionsexemplar.

6 Gedanken zu “Das Beste aus 30 Jahren

  1. Das ist erfreulich, dass es dieses Kochbuch nun gibt, denn ihre früheren Kochbücher sind ja teilweise nur schwer oder gar nicht mehr erhältlich. Ich kenne zwar nur die TV-Sendungen, aber eines habe ich schon: „La Cuisine du Marché“ („Die neue Küche“) von Paul Bocuse in der Übersetzung von Bernd „Moritz“ Neuner-Duttenhofer, welche er ja schon gemacht hat, bevor die Kochsendungen losgegangen sind. Die liebevoll geschriebenen Ergänzungen, die sich rund um den Text von Bocuse ranken, um seine Kulinarik für Deutsche oder eben auch Österreicher nachvollziehbar zu machen, haben mir schon damals imponiert. Man merkt, wie gerne Moritz sein Wissen teilt und diese Begeisterung hat sich dann auch auf die TV-Sendungen übertragen. Da war man manchmal ziemlich überwältigt von dem Detailwissen, das auf einen niedergeprasselt ist, wenn Martina und Moritz abwechselnd mal so richtig losgelegt haben. Ich bin gespannt, wie die eigenen Rezepte von den beiden in der Form als Kochbuch klingen. Danke für diese wunderbare Rezension!
    Liebe Grüße, Christian

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    1. Du hast mit allem was Du angemerkt hast so Recht und ich danke Dir für Deinen fundierten Kommentar! Ich habe die beiden vor mehr als 20 Jahren bei einer Buchpräsentation noch zu meiner Buchhändler-Zeit kennengelernt. Beim Abendessen kamen wir gar nicht mehr aus dem Staunen raus, was die alles wussten und mit welcher Leidenschaft die sich dem Genuss verschrieben haben.

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    1. Arno Du hast Recht die meisten Rezepte bedienen die klassische Schiene und ja das „Weinchen“ gehört bei Ihnen auch dazu. Martina Meuth ist aber auch Expertin für asiatische/thailändische Küche und hat auch Bücher dazu veröffentlicht. Ich werde morgen meinen Lieblings-Eintopf von ihnen zeigen, der kommt von den Philippinen. Dazu trinken die aber auch Wein – nämlich einen fruchtigen Zweigelt aus Österreich. Ich denke die nehmen uns das aber nicht krumm, wenn wir ein Bierchen dazu zischen.

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  2. Ich hab sie zwar eher unregelmässig, aber dafür immer mit viel Freude am Bildschirm verfolgt. Unbestritten die bodenständige aber solide Ausführung nach professionellen Kriterien. Ich habe nur eines ihrer Bücher (gerade nachgeschaut) und zwar „Adria – kulinarische Landschaften zwischen Brindisi und Dubrovnik“, aber mehr davon wären kein Problem.
    Ich habe wahrscheinlich weniger als Du, Ira, aber 100 sind es schon. Und was ich am liebsten mag, ist wenn die Rezepte das halten, was sie versprechen. Und da fällt dann schon die Hälfte der Bücher weg. Bei Neuner und Meuth muß man sich da keine Gedanken machen
    LG Alex

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    1. Ja, ich habe da wirklich mehr, die Länderküchen bei Droemer damals noch sind jedoch nicht vollständig. Gut gefällt mir auch die Thai-Küche von Martina Meuth. Danke für Deinen fundierten Kommentar, es ist immer wieder schön, wenn man im Netz auf Menschen trifft, die dieselben Leidenschaften haben.

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