Nigel Slater: Wintertagebuch

Nigel Slater: Wintertagebuch

Fotos: Jonathan Lovekin

Dumont Verlag

Preis: 38,– €

Winterfreuden, die nicht nur kulinarisch, sondern auch persönlich berühren……

Wer ist der Autor?

© Jenny Zarins

Nigel Slater, geboren 1958 in Wolverhampton, zählt zu den besten Food-Journalisten der Welt. Seit 25 Jahren schreibt er für den ›Observer‹ eine Kolumne zum Thema Essen. Er lebt in einem alten Haus im Norden Londons. Bei DuMont erschienen bereits ›Ein Jahr lang gut essen‹, ›Das Küchentagebuch‹, ›Einfach genießen‹ und ›Eat‹ sowie die beiden hochgelobten Bände ›Tender – Gemüse‹ und ›Tender – Obst‹, in denen sein Küchengarten eine wichtige Rolle sspielt.

 

Wie sieht es aus?

Bei Auftritt und Aufmachung wird nicht gespart: Graue triste Wintertage spiegeln sich im mattgrauen Leinenband wieder, der sich zum Fest der Liebe richtig aufbrezelt mit seinen kupferfarbenen aufgeprägten nackten Baumstämmen. Die Ausstattung ist die perfekte Inkarnation, dessen was uns der Autor über seine Lieblings-Jahreszeit berichtet und macht das Buch zu einem echten Hingucker im Bücher-Regal und auf dem Coffee Table.

Worum geht’s?

  – oder ein Mann der Tagebuch für uns schreibt……..

 Und er ist sogar noch erfahren darin! Tagebuch schreibende Männer sind auch in 2018 rar gesät, wenn sich zwischen den Geschlechtern und im Zusammenleben derer auch viel getan hat. Und darin herumzuschnüffeln geht natürlich gar nicht!

Was ist drin?

Keine Kolumne ohne Story – kein Rezept ohne persönliche Geschichte dahinter!

Hier sind wir jedoch eingeladen, in der „Slaterschen“ Küche Platz zu nehmen, zu genießen und bekommen nicht nur Rezepte hingestellt, sondern sind von Anfang an dabei und erfahren all das, was für den Geschmack wichtig ist und welche nette Geschichte dahinter verborgen ist. Genau dafür ist Nigel Slater bekannt und wird er geschätzt: Er ist ein Autor, bei dem manche sich nicht entscheiden können, ob ihnen nun die Geschichte hinter dem Rezept oder das Gericht, dass bei ihm immer die Handschrift „Keep it simple“, aber bitte mit Twist trägt, besser gefällt. Die vielen Jahre als Kolumnist beim „Guardian“, haben sicher das ihrige zu diesem außergewöhnlichen Talent und persönlichem Markenzeichen beigetragen.

Wie alles begann oder was der Dachboden in seinem Elternhaus damit zu tun hat…

Die Saat zu diesem Buch – erklärt Nigel Slater – wurde vor einem halben Jahrhundert gelegt, auf dem Dachboden seines Elternhauses, wo die Familie den Weihnachtsschmuck in Kartons aufbewahrte. Genau dort, zwischen verblassten Christbaumkugeln und Strähnen silbernen Lamettas, zwischen Zauberkästen und unentwirrbaren Knäueln aus Lichterketten, wurde seine Faszination für Weihnachten geboren. Slater berichtet in seiner Biographie, dass er nach dem Tod der leiblichen Mutter als Neunjähriger Schuljunge, sehr selbständig sein musste und sich nicht nur sein Mittagessen nach der Schule selber kochte, sondern auch den Vater mit leckerem Essen auf sich aufmerksam machen wollte. Seine Mutter war eigentlich keine besonders gute Köchin. Am liebsten hätte sie dies gerne der Perle des Hauses – in der Familie stets Mrs. P. genannt – überlassen. Einmal im Jahr ließ sie sich aber darauf ein einen Christmas Cakes und –Puddings zu machen. Dies wurde immer mit dem Satz eingeleitet „Dann werde ich jetzt wohl Kuchen backen müssen…“ Mit ihrer Küchenmaschine – einer störrischen Kenwood – lernte sie jedoch nie umzugehen. Slaters Mutter gehörte nämlich zu der Generation von Frauen, die zum Teig kneten nie ihre Hände benutzen würden, erzählt er weiter. Der beim Essen inzwischen schon recht anspruchsvolle Sohn hat praktisch durch die Küchen-Pannen der Mutter seine Liebe zum Kochen und Essen entdeckt. In der  heimischen Küche in Wolverhampton flog schon mal der Kuchenteig aus dem Biest von Kenwood direkt auf den Küchenboden. Während seine Klassen-Kameraden Romane verschlagen, beschäftigte sich der junge Nigel mit der Lektüre des Cordon Bleu Magazin, dass er abonniert hatte.

Mit dem Winter klar kommen – oder ihn lieben und freudig begrüßen!

Slater blüht jedes Mal mit dem ersten Wintereinbruch auf erzählt er: Der erste Kälteeinbruch ist für ihn so erfrischend, wie der Sprung in einen eisigen Teich nach der langen Sommersauna. Den Winter nimmt er stets wie einen Neuanfang wahr. Bis zum heutigen Tag, wird er mit Reif auf dem Dach und Feuer im Kamin geradezu euphorisch und Schnee unter den Sohlen hat er immer lieber gemocht als Sand zwischen den Zehen, berichtet der britische Kolumnist uns in seiner Einleitung.

Der Winter fängt bei uns offiziell am 21. Dezember an, zur Wintersonnenwende, das ist der kürzeste Tag des Jahres. Und das findet Mr. Slater ein wenig seltsam. Man würde erwarten, dass der kürzeste Tag inmitten des Winters liegt, nicht am Anfang, aber es wird noch komplizierter, wenn man erfährt, dass das Datum von Land zu Land variiert. In Schweden und Irland gilt beispielsweise der 1. November, Allerheiligen, als erster Wintertag; in der Landwirtschaft wird dazu der Martinstag am 11. November auserkoren. Nigel Slater beginnt seine kulinarischen Tagebucheintragungen pünktlich zum 1. November und beendet sein Wintertagebuch zum 2. Februar des folgenden Jahres.

Verputzt und genossen:

Drei Winterdrinks aus Trockenfrüchten

© Jonathan Lovekin

Eine großartige Idee, die mich an die guten 70iger und Mutters Rumtopf erinnert hat. Bei Nigel Slater muss man glücklicherweise nicht schon im Sommer wissen, dass man das im Dezember gerne trinken oder zu Eis, Pudding und vielen anderem servieren möchte. Sein Rezept verwendet Trockenfrüchte und er kalkuliert mit einer Durchzieh-Zeit von ca. 4 Wochen. Ich fand das richtig klasse und alle 3 Variationen haben es bei mir mühelos auf die Keeper-Liste geschafft.

Gebackener Kürbis mit Dukkah und Granatapfel

© Jonathan Lovekin

Dieses Rezept ist ein echter Slater! Der Mann steht nicht nur für gute Storys, die uns dem Fühlen und Denken unserer Kindheit wieder ein Stück näher bringen, er paart das ganze stets mit einfachen, bis sehr einfachen Rezepten, mit Twist und Überraschung: Süßer Kürbis trifft viel Aroma durch die Gewürze und erhält jede Menge Crunch durch die unterschiedlichen Nuss-Sorten, die durch die frische Note von Granatapfelkernen perfekt abgerundet wird. P.S. Hanfsamen sind zwar äußerst gesund und auch lecker, aber nicht gerade billig. Ich habe sie deshalb einfach weggelassen, weil für mich ihr Geschmack im „Nusskonzert“ keine tragende Rolle hatte.

Shortbread mit Feigen und Orangen

Ich backe schon regelmäßig, aber bei Weihnachtskekse, da überlasse ich gerne meiner Schwiegermutter die Krone. Diese Bastelei und die Fein-Motorik, die dafür notwendig ist, ist in der Küche nicht mein Ding! Ich mag es unkompliziert und suche nach dem schnellen Erfolg, der bitte auch noch köstlich schmecken soll. Das Rezept des Briten klingt für mein Weihnachts-Keks-Beuteschema äußerst vielversprechend – ich werde berichten!

Lammbraten mit Koriandersamen und Rosmarin

Steht auf der Nachkochliste, wartet quasi noch auf seinen großen Tag und soll uns die Weihnachts-Feiertage „verköstlichen“.

Fazit – oder warum schafft es Nigel Slater immer wieder mein Herz und meinen Gaumen zu erobern?

Der Mann steht nicht nur für gute Storys, die uns dem Fühlen und Denken unserer Kindheit wieder ein Stück näher bringen, er paart das ganze stets mit einfachen, bis sehr einfachen Rezepten, mit Twist und Überraschung. Seine Botschaft ist voller Emotion und persönlicher Erlebnisse. Damit zelebriert er etwas was wir uns alle wünschen: Klarheit, Reduktion auf das Wesentliche, und kostbare persönliche Momente, statt Einheitsbrei, Kaufhaus-Schrott und Massenware! Wenn jemand Kitsch in kostbare Erinnerungen verwandeln kann, dann ist es definitiv der Brite. Es geht bei sehr geschätzten Kochbüchern definitiv nicht nur um leckere Rezepte, sondern wir Leser wollen mit allen Sinnen angesprochen werden und zum Träumen und Genießen eingeladen werden. Dass gelingt Slater wie niemand anderem in der Branche. Gepaart mit Rezepten, die einfach, bis sehr einfach sind, treibt das mich wie magnetisch angezogen in die Küche. Das kann ich mir nirgendwo kaufen oder online bestellen, sondern das mag ich lesen, selberkochen und verputzen!

Herzlichen Dank für die Übersendung als Rezensionsexemplar!

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