Brodetto für alle

Felix Partenzi/Daniela Partenzi: Brodetto für alle

Gerichte und Geschichten aus der Region Marken

Dieses Buch ist wie ein Urlaub in Italien

Gerstenberg Verlag

Preis: 26,– €

Worum geht es? – oder die Wade Italiens

Die wohl am wenigsten beachtete der 20 Regionen Italiens liegt südlich von Rimini und vis-à-vis von Livorno. Wenn die Toskana auf der Stiefelhalbinsel das Schienbein repräsentiert, sind die Marken die Wade Italiens. Hier findet man Orte, in denen die Zeit stehengeblieben zu sein scheint, bewohnt von echten Originalen, die herrlich unkomplizierte Speisen kochen. Daniela und Felix Partenzi haben sich auf einen Streifzug durch diese mittelitalienische Region begeben und Gerichte und Geschichten gesammelt, die bei jedem Italien-Fan das Herz höher schlagen lassen. Daniela Partenzi sind dichte und überaus lebendige Portraits von Land und Leuten gelungen.

Wer sind die Autoren?

Felix Partenzi, geboren 1970 bei Hannover, hat als Hörspielregisseur gearbeitet und ist freiberuflicher Designer in Medien, Kultur und Werbung. Seit einigen Jahren gibt er sein Wissen als Kunstlehrer weiter.

Daniela Partenzi, geboren 1968 in Düsseldorf, ist freie Fernsehredakteurin beim WDR. Die Tochter eines italienischen Kochs und einer deutschen Lehrerin lebt mit ihrem Mann Felix Partenzi und zwei Söhnen in Düsseldorf, sofern sie sich nicht gerade mit ihrer Familie in Umbrien aufhält.

Was ist drin?

Die Marken sind für die Partenzis seit dem Ausbau der Staatsstraße 77 eine schnurgerade Verbindung zu richtig guten spaghetti vongole. Beide lieben es lecker und schön und haben ein Faible für Menschen, die man durchaus als Originale bezeichnen kann. Am besten alles zusammen und am liebsten mit Italien als Hauptdarsteller. Kochbücher über Regionen in ihrem Lieblingsland zu erschaffen, ist für die gebürtige Italienerin und ihren Mann das Nonplulsultra. So hatten die Düsseldorfer jedenfalls immer einen Grund mehr die Koffer zu packen und den Brenner zu überqueren, Das Land zwischen Pesaro und San Benedetto del Tronto ist nicht nur für die Partenzi kulinarisch ein unbeschriebenes Blatt, sondern auch ich würde es gerne kulinarisch besser kennenlernen……

Allora: „Brodetto für alle!“

Immer mit dem gewissen Augenzwinkern erzählt Daniela z. B. von der Begegnung mit einem Hotelier namens Flavio, der sich mit der vom ihm gegründeten Brodetto-Akademie um den Erhalt der adriatischen Fisch-Suppe (Brodetto) kümmert. Jeder Gast der sich nach einem hungrig machenden Tag am Meer von ihm den Zimmerschlüssel an der Rezeption geben lässt, wird genauestens abgescannt. Der Mann kann ohne Ende reden erzählt Frau Partenzi. Aber kann er auch kochen? Der gerade vorbei eilende Sohn hält kurz inne, dreht sich um: „In der Theorie ja in der Praxis überlassen wir das besser der Mamma. Bene, hier macht halt jeder was er kann räumt der Patron ein.

Dem Pulpo musst Du so richtig eine knallen oder in den Tiefkühler sperren….

Danielas Faible für Menschen, Typen macht die Begegnung für Nachkocher und interessierte Italien-Fans sehr unterhaltsam und lebendig, als würde man selbst über die Märkte schlendern. Morgens am Hafen von San Benedetto steigen sie mit dem Fischer Francesco auf seinen Kutter, der langsam aus dem Hafen tuckert, bevor er diesem mit dem 300 PS starken Motor die Sporen gibt und ihm der erste Pulpo seit zwei Monaten ins Netz geht. Zuvor jedoch noch ein kleiner Seitenhieb auf die italienische Verwaltung, die den Schlick, der das Hafenbecken versandet, direkt über den symbolischen Zaun kippt, die Gezeiten tun das übrige, das ist Italien, meint der Fischer nur lapidar….Er verrät jedoch auch das Geheimnis das jeder Pulpo-Zubereitung innewohnt, entweder 1 Woche Haft im Tiefkühler oder Du knallst im so richtig eine… Männerküche halt.

Traurige Bohnen – oder Klima verschont auch die Genuss affinen Italiener nicht…..

Die Bohnen sind traurig im Sommer 2016, zu heiß zu trocken. Paola die Bohnenfrau, der man ihre Vorliebe für durchfeierte Nächte durchaus ansieht ist verzweifelt, auch im Hinterland in den Bergen herrschen inzwischen Temperaturen über 40 Grad im Schatten: Da helfen auch die 1000 Liter Wasser nicht mehr, die ihr überschaubarer Bohnen-Acker jeden Tag einfach so weg gluckert, nicht mehr viel… „Wenn du schlecht zu den Bohnen bist, weiß sie zu berichten, dann sind die Bohnen auch schlecht zu Dir… Sie schimpft über falsche Dresch- und Trocken-Methoden, so eine Bohne ist ein zartes Pflänzchen, zu früh gepult, falsch gelagert, zeigt sie dir ihre kalte Schulter und wird zäh. Aber nicht ihre Bohnen, nur gegen die Trockenheit hat sie leider auch kein Allheilmittel……

Es duftet nach Feigen und Anis und die Königin von Ascoli….

Süße Feigensalami gehört untrennbar zum Geschmack der Marken. Zwei Zutaten sind dafür wichtig, Feigen und guter Trauben-Sirup. Italiener sind zum Glück bei den Zutaten ausgesprochene Nationalisten, Feigen aus dem Ausland no und nochmal no, nicht in unsere Feigen-Salami, die süß gehört. Über-Produktionen aus aller Welt machen den eigenen Anbau im Vallesina wenig lukrativ und den dafür sonst noch erforderlichen Trauben-Sirup kochen am besten die italienischen Mammas. Sapa (so heißt der Sirup) gilt als das A und O in der Küche der Marken, aber nur die einheimischen Produkte werden noch sanft über 10 Stunden zu einer Melasse eingekocht.

Fleischige Oliven sind die Spezialität von Ascoli, gefüllt mit Hackfleisch gewälzt in Parmesan und Mehl ist daraus eine lokale Spezialität geworden.

In Porchetta – in was?

Bei Porchetta taucht in meiner Assoziation automatisch Speck auf, weit gefehlt in Porchetta heißt es, wenn etwas in wildem Fenchel geschmort wird. In den Marken bevorzugt Aubergine. Danke für das Rezept seit 20 Jahren suche ich verzweifelt nach einer Verwendungsmöglichkeit für den im Mittelmeerraum inflationär wachsenden wilden Fenchel. Liebes Fenchelkraut im nächsten Urlaub bist Du definitiv dran….

Probiert & Verputzt:

Dicke Bohnen mit Rucola-Pesto

Nussig mit süßer Note und ein klein wenig bitter durch die Bohnenkerne…Deshalb die perfekte Ergänzung  zum würzigen Rucola und der pikanten Salami. Ein Vorspeise, die mit jedem Bissen und ohne Chichi Italien ruft.

Schweinerücken mit Anis

Es duftet nach Anis und Honig und Wein und das Schweinchen darf nach Herzenslust darin suhlen…. Eine weitere kulinarische Überraschung aus Italien, die lecker, unkompliziert und sehr aromatisch daher kommt.

 

 

 

Fazit: Dieses Buch ist wie ein Spontan-Besuch in Italien!

Die Marken kannte ich bisher nicht, es duftet dort an jeder Ecke nach Anis und Feigen und guter Fisch und Meeresfrüchte sind auch nicht weit. Außerdem gibt nicht es nur Brot, sondern sogar Brodetto (Fischbrühe) für alle. Schlendern Sie/Ihr mit den Partenzis am Hafen von San Benedetto von Fischhändler zu Fischhändler und genießen Sie Dorade im Kartoffel-Bett, oder lassen sich Vincisgrassi (einen Nudelauflauf) servieren. Gefühlt gibt es für den so viele verschiedene Rezepte, wie es Einwohner in den Marken gibt. Und vergessen Sie um Gotteswillen nicht, die berühmte Feigen-Salami zu probieren. Dieses Kochbuch  kann mit unkomplizierten und vor allem leckeren Rezepten, eine bislang noch wenig beachtete Region Mittel-Italiens endlich kulinarisch vorstellen.

Lebendig und mit viel Humor gelingt es Daniela Partenzi, auf besonders unterhaltsame Weise, eine Region Italiens vorzustellen, die viele noch gar nicht auf dem Zettel haben. Dieses Buch ist wie ein Kurz-Trip nach Italien und für Leib und Wohl wird ebenfalls gesorgt. Unaufgeregt mit besten Produkten, ohne Chichi oder Budenzauber wird in den Marken authentisch und ehrlich gekocht.

Es gibt so viele Italien-Kochbücher, die gähnend langweilig immer wieder dieselben Geschichten, Rezepte und Anekdoten  herunterbeten, das passiert hier nicht – versprochen!

Als Kochbuch-Bloggerin habe ich so einige davon in meinem Kochbuch-Regal stehen und gerade deshalb diesen so überraschend anderen Ausflug in die Marken und das kulinarisch authentische Italien ohne Firlefanz und mit qualitativ guten Produkten sehr genossen!

Herzlichen Dank für die Übersendung als Rezensionsexemplar, für dessen Besprechung ich gerne meine ehrliche Meinung wiedergebe, mein Blog ist und bleibt ein lieb gewonnenes privates Hobby!

 

 

2 Gedanken zu “Brodetto für alle

  1. Ich war zwar noch nie in der Toskana, aber bereits öfter in den Marken. Dort wird eher weniger Pizza gegessen, aber es gibt sehr gute Pasta- und Fleischgerichte. Fisch habe ich dort noch nicht probiert, aber ich war auch nicht an der Küste, sonder bei Arcevia, wo ich auch einen Teil meines Romans stattfinden ließ 😉 Viele alte Bauernkaten wurden aufgekauft und in Agritorismo-Restaurants umgewandelt, weil es dafür eine Weile gutes EU-Geld gab. Briten haben sich dort überwiegend niedergelassen und der eine oder andere Deutsche, dem der Norden zu teuer war 🙂 Eine wunderbare Gegend ohne viel Tourismus im Inland. Kann ich sehr zum Reisen empfehlen, aber besser bis Juni und ab September, denn es ist sehr warm dort unten.

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    1. Die Autoren haben die Küste mit dazu genommen. Ja, das kenne mit den Briten aus den Abruzzen. Besonders in Küstennähe ein weit verbreitetes Problem. In den Marken war ich bisher nicht. Mir hat dieses eigentlich unscheinbares Italien-Kochbuch sehr gefallen, weil es viel mehr Italien als alle anderen transportiert…. Schön, wenn Verlage sich das noch trauen, nicht immer nur die selben Bücher zu machen und Autoren findet, die das auch bedienen können… Daniela Partenzi’s Familie stammt aus Umbrien, deshalb ist die Familie in den Ferien regelmäßig dort. Für dieses Buch sind die zwei einfach mal in die Nachbar-Region abgebogen. Viel Klima gab es in den letzten Jahren wohl auch im italienischen Hinterland… Warum sollten Kochbüchern die Welt nur idelisiert betrachten, auch wenn es um Rezepte geht, kann ein dezenter Hinweis – mehr ist bei diesem Genre einfach nicht drin, nicht schaden….

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