Nicole Giger: Ferrante, Frisch und Fenchelkraut

Nicole Giger: Ferrante, Frisch und Fenchelkraut

Ich koche mich durch die Weltliteratur

AT Verlag

Preis: 29,90 €

Ein köstliches und sehr unterhaltsames date mit der Weltliteratur……

Lesen – Essen – Reisen……

oder warum Max Frisch jetzt auch in der Küche zu finden ist…..

„Hörnli und Gehacktes“ waren schon immer in der Lage, Nicole Giger glücklich zu machen. Und dass ein großes Stück selbstgemachter Rübli-Kuchen im besten Fall so gut sein kann wie Knutschen, wusste Nicole schon lange vor ihrem ersten Kuss, Lesen entdeckte diese für sich nicht viel später… Begonnen hat es mit „Pippi Langstrumpf“, dass die Göre mit den schönen Zöpfen gleich noch einen solch gesunden Appetit hatte, konnte kein Zufall sein. Nicoles Faszination für die Literatur weckte Schluss endlich kein geringerer als ihr berühmter Landsmann Max Frisch. Mit fünfzehn Jahren stand „Andorra“ auf dem Lehrplan und dieses Buch markierte quasi Gigers ganz persönlichen Startschuss für eine Reise durch die Weltliteratur. Ermuntert von ihrer Mutter, die ebenfalls gerne ihre Nase in ein Buch steckte und dem ein oder anderen Lehrer, der weitere Impulse geben konnte, mündete diese Liebe anschließend in einem Germanistik-Studium. Neugierig und hungrig hat sich die Züricherin durch ihre Zwanziger gelesen und gegessen. Neben ihren „dates“ mit der Weltliteratur, ihrer Leidenschaft für gutes Essen ist Nicole Giger stets begierig auf die große weite Welt geblieben. Ganz besonders faszinieren sie ferne Länderkuchen, verraten die uns doch oft so viel mehr über ein Land und seine Menschen als es alle Reiseliteratur vermag.

Was ist drin?

Dieses Buch ist kein simples Kochbuch, sondern vielmehr eine Sammlung von Ideen, Geschichten, Anekdoten, Erinnerungen und damit gleichzeitig eine Einladung zum Kochen, Reisen und Lesen.

Sehnsüchte, Hitze, Feuchtigkeit und indisches Essen, das optisch ebenfalls sehr viel zu bieten hat!

Mit Herrmann Hesse teilt die Züricherin die Sehnsucht nach Indien, die erste Begegnung war jedoch durchaus zwiespältig – dann jedoch wurde es immer besser: „Der Chai-Wallah aus der Straße in dem das Hostel von Nicole lag, kochte von früh bis spät würzig süßen Chai, der so süffig war, dass sich die achtundvierzig Grad im Schatten schon wieder wohlig anfühlten“… Diese Erfahrung hat offenbar vieles ins Gegenteil verkehrt, denn Indien kommt ziemlich lecker weg in diesem Kochbuch z. B. mit „Masala Chicken mit Süßkartoffeln und Koriander-Pesto oder einer sensationell aussehenden Thali-Platte mit Mohnkartoffeln, Hack-Bällchen und Channa Dal.

Von treulosen Auberginen und Irakern für die diese zur „Herrin ihrer Küchen“ wurden….

Na sowas das ist wirklich neu für mich Auberginen werden von Frau Giger als treulos geoutet, lassen sich diese doch gerne auf verschiedene Partner ein, dafür sind sie jedoch beim gekonnten Zusammen-Spiel geschmacklich Bombe! Eine Liaison mit Miso wird von der Schweizerin unbedingt empfohlen (Miso-Auberginen mit Kräuter-Couscous und Bohnenmus). Nicoles Zutaten-Generator aus der Weltliteratur heißt diesmal Abbas Khider. In seinem Roman „Brief in die Auberginenrepublik“ erzählt der irakisch-deutsche Schriftsteller, der in Bagdad geboren und aufgewachsen ist, dass während des Handelsembargos von 1991 bis 2003 die irakische Bevölkerung unter großer Lebensmittelknappheit litt. Alles war rar, außer Auberginen, sie beherrschten den Speiseplan im Land. Manche Iraker haben damals Auberginen tatsächlich zur „Königin der Bratpfanne“ und Herrin in der Küche“ gekürt. Große Erheiterung bei den Einheimischen war garantiert, wenn die irakischen Politiker über den Irak geredet haben und die irakische Kultur als erste Kultur der Welt priesen! Laut Herrn Khider hat man die Märkte und Kühlschränke im Land leider nicht in Kenntnis darüber gesetzt, außer gähnender Leere oder vielleicht die eine oder andere Aubergine war dort wenig Großartiges zu finden. Die Spaßvögel unter den Irakern sprachen deshalb gerne hinter vorgehaltener Hand von ihrer irakischen Heimat als Auberginenrepublik.

Was ist besonders?

Da ist zum einen die wirklich tolle ungewöhnliche Präsentation, die Nicole Giger als Hintergrund für ihre kreativen mehrheitlich vegetarischen Rezepte wählt, aber ebenso die Vielfalt, die diese mit ihrer sehr persönlichen Auswahl bieten kann. Vegetarier werden klar bevorzugt, aber Giger ist keine Dogmatikerin und verwendet ebenso gerne Pancetta für ihre leckere Pasta al Martini, weil es so einfach besser schmeckt. Dieses Kochbuch ist ganz und gar Gigers Kochbuch geworden und damit eines der persönlichsten Kochbücher, die mir in den letzten Jahren begegnet sind! Genau deshalb gehören für die junge Frau aus Zürich Sarma (Kohlrouladen) hinein. Nicht irgendwelche, sondern jene von Tetka Nada, der serbischen Tante ihrer Freundin Suzanna, die für Freunde und Familie kocht und bei der Kohl noch in der Rubrik Soul-Food geführt wird und nicht in die Superfood-Abteilung wechseln musste. Mir hat gerade dieser Mix aus kulinarischen Reise-Mitbringseln, Soul-Food, gesunden Gerichten aus den Szene-Cafes von Zürich bis Berlin und eigenen Interpretationen Schweizer Klassiker sehr gut gefallen, weil alles was ich probiert habe, klasse geschmeckt hat.

Nicole Giger konnte bei mir zudem mit ihrem Blog-Schreibstil, der keiner bestimmten Form folgt, punkten. Ich mag die durch und durch eigene Handschrift dieses Kochbuchs, dass die Weltliteratur nur als Stichwort-Geber braucht, sonst aber sein eigenes Ding macht!

Probiert & Verputzt:

Smashed Potatos mit zweierlei Toppings

© Nicole Giger, AT Verlag

Fast zu schön zum Essen…. Das rote Pesto war unser Favorit! Sehr stimmig – die leicht scharfe Note der Kresse verträgt sich exzellent mit der erdigen Beete, der milden Säure des Sauerrahm und der herben Süße der Walnüsse. Einfach toll und so unkompliziert!

Und die Tipps für Reste und weitere Beilagen kommen ebenfalls sehr gerufen – danke dafür!

 

Biryani mit Gemüse

© Nicole Giger, AT Verlag

Gemüse satt und sehr lecker! Meine fast 93jährige Schwiegermutter, die mit am Tisch saß war sehr angetan. Überzeugender hätte das Urteil nicht ausfallen können, denn sie gehört definitiv nicht mehr zu den vegan/vegetarischen Hipstern – großartiges Rezept, das wir gerne in unser Standard-Repertoire aufgenommen haben!

Ich habe die Inger-Garlic-Paste selbst hergestellt, in dem ich Ingwer und Knoblauch im Verhältnis 2 zu 1 erst gerieben und dann vermischt habe. Rosenwasser bitte nur in TOP-Qualität verwenden, die Produkte im arabischen Laden sind nicht geeignet und im Glücksfall nur von mittelmäßiger Güte. Gönnt Euch eine Bioqualität, das ist wirklich wichtig!

 

Sobanudelsalat mit geröstetem Rotkraut

© Nicole Giger, AT Verlag

Wieder wie gemalt schön und toll würzig im Geschmack – Die Rehabilitierung des Nudelsalates ist dank lecker mariniertem Tofu, aromatischen Rotkohl, Sesam und Tahini-Dressing gelungen! Über diesen Nudelsalat freuen sich nicht nur wir, sondern ebenfalls Eure Gastgeber…

Warum ich das hier erwähne? Och Nicole Giger und Rafik Schami kennen jedes Grill-Buffet von Garmisch bis Flensburg, dort werden im Schnitt mindestens drei Nudelsalate aufgeboten, weil wir Deutschen (Syrer machen das nämlich nicht!) immer etwas mitbringen, wenn wir zum Grillen eingeladen werden. Gar nicht schlecht, aber statt Nudelsalat mit Mayo könnte es doch auch diese köstliche Variante sein – was meint Ihr dazu?

Fazit: Weltliteratur als Zutaten-Generator und eine Autorin, die daraus ihr eigenes Kochbuch gemacht hat!

„Ferrante, Frisch und Fenchelkraut“ ist als Kochbuch ziemlich „unique“! Wer in diesem nur den Zutaten-Generator aus der Welt-Literatur vermutet, der die Küche mit der Literatur verdrahtet, liegt hier zum Glück komplett falsch. Nicole Giger ist Journalistin und in ihrem wirklich sehr schön gemachten Kochbuch plaudert sie frei von der Leber weg, hier ein bisschen Weltliteratur, da eine persönliche Anekdote aus der eigenen kulinarischen Sozialisierung oder Reisemitbringsel leiten auf ihre Rezepte über, die schon optisch verzücken und häufig noch besser schmecken!

Die Geschichten und Überleitungen zu Gigers köstlichen Rezepten folgen keiner stringenten Form, sondern hüpfen stets von hier nach da und unterhalten mich gerade deshalb köstlich! Dieses Buch hat die junge Schweizerin offenbar zu großen Teilen in ihrem Züricher Lieblings-Café geschrieben. Es fällt mir nicht schwer mir vorzustellen, dass die Gäste nicht nur satt, sondern sogar beglückt nach Hause gehen, sollte Giger dort je die Speisekarte schreiben wollen…

Ein herrlich anderes Kochbuch, mit dem man sich gerne auf den Lieblingssessel verkrümmelt, um sich Stunden später plötzlich in der Küche wiederzufinden. Sehr unterhaltsam und ohne gewollt bildungsbürgerlichen Anspruch, den solche Kochbücher auch schon mal ausatmen. Was ich persönlich häufig als langweilig und unpersönlich empfinde und weshalb mich keines dieser Kochbücher bislang gereizt hat! Hier war es zum Glück sehr persönlich und überraschend kreativ, ich habe nicht nur gekocht, sondern dieses Kochbuch von der ersten bis zur letzten Seite mit Genuss zu Ende gelesen.